Schlanker Look, leiser Heckmotor, kaum Digital-Ballast: Das Yuccie Junico Flow Gent zeigt im Test, dass ein gutes E-Bike nicht nach Technikshow aussehen muss.
Wieviel Technik braucht ein E-Bike? Muss es das volle Digitalbesteck mit Radar, Riesendisplay und ABS sein? Oder reicht vielleicht eines, das einfach gut aussieht und ebenso gut fährt? Genau diesen Gedanken scheint zumindest Stefan Berkes, einst Mitgründer von Bergamont, mit seiner neuen Marke Yuccie verfolgt zu haben. Das Ergebnis hört auf den Namen Junico Flow Gent. Im Test erlebten wir das neue Modell als entspannten Gegenentwurf zu dem in Teilen schon übertechnisierten E-Bike-Trend.
Zwar stammt die neue Marke aus Hamburg, produziert wird aber, und das ist durchaus branchenüblich, in Vietnam. Nach europäischen Fertigungspartnern habe man zwar gesucht, die gewünschte Qualität aber nicht gefunden. Und tatsächlich: Das Flow Gent macht einen überraschend wertigen Eindruck.
Schlanker Alu-Rahmen
Der schlanke Alurahmen mit integriertem Akku wirkt angenehm schnörkellos und klassisch. Schweißnähte sind nur an den Heckstreben sichtbar. Zudem sind die Leitungen sauber integriert, Gabel- und Lenkervorbau schmiegen sich elegant an das Lenkrohr an. Der Lack in Mattgrau mit glänzendem Finish sowie die fast durchgehend schwarz lackierten Anbauteile verleihen dem Rad eine gefällige Coolness. Auch in anderen Details übt sich das Yuccie in Reduktion. Schutzbleche und Gepäckträger kommen jeweils mit nur einer Strebe aus. Das Bike will Menschen ansprechen, die auf Understatement statt auf grelle Akzente oder XL-Formate setzen.
Hinzu kommt das ebenfalls optisch zurückhaltende Antriebssystem. Statt als klobiger Mittelmotor sitzt der E-Antrieb elegant im Hinterrad integriert. In der Bafang-Maschine steckt zudem unsichtbar eine Zweigang-Automatik. Auch diese Lösung hält die Silhouette schlank und erspart zudem im Alltag Technik-Dramen. Das gilt auch für den zwischen Fahrerfüßen und Heckmotor übertragenden Gates-Riemen, der sauber und nahezu wartungsfrei läuft.
Aufs Wesentliche reduziertes Display
Ebenfalls entschlackt präsentiert sich das Cockpit. Bremsgriffe, Miniklingel und eine kleine Frontleuchte – das war’s. Es gibt ein kleines Monochrom-Display, welches jedoch unauffällig im Oberrohr steckt. Wer Farbdisplays und Navigationsgrafiken erwartet, ist hier falsch abgebogen. Informationen zu Akkustand, Geschwindigkeit und Fahrmodus müssen reichen. Und doch: Ein USB-C-Anschluss fürs Smartphone wäre noch eine Kirsche auf dem minimalistischen Digital-Kuchen gewesen, die dem Yuccie aber fehlt. Das wäre für Nutzer der App interessant, über die sich auch der integrierte und ab dem zweiten Jahr gebührenpflichtigen IoT-Service mit Tracking-Funktion nutzen lässt.
Per Knopfdruck erwacht das leise arbeitende, mit geringer Latenz natürlich unterstützende Antriebssystem zum Leben. Die nominell bescheiden klingenden 45 Newtonmeter reichen im Alltag völlig aus. Mehr noch: In der höchsten Unterstützungsstufe schiebt das Flow Gent überraschend munter an. Die Zweigang-Automatik arbeitet dabei fast unmerklich: Bis 15 km/h fährt das Bike angenehm leichtfüßig, danach wird unter Einfluss der Fliehkraft wie von Geisterhand automatisch in die längere Übersetzung gewechselt. Das Ergebnis: entspanntes Dahingleiten mit angenehm niedriger Trittfrequenz.
Überhaupt fährt sich das Yuccie erfreulich lebendig. Trotz der Hollandrad-Lässigkeit mit stark gekröpftem Lenker und aufrechter Position wirkt das Handling direkt und agil. Die straff aufgepumpten Continental-Urban-Contact-Reifen und der eher sportliche Sattel sorgen allerdings auch dafür, dass Schlaglöcher und Kopfsteinpflaster direkt an den Fahrer weitergereicht werden. Komfortfans können sich eine gefederte Sattelstütze ordern und/oder etwas Luft aus den voluminösen Reifen lassen. Auf eine Federgabel verzichtet Yuccie. Die gute Nachricht: Was nicht da ist, kann nicht klappern, rosten oder kaputtgehen.
Sympathisches Alltagsbike
Vor allem als Alltagsbike sammelt das Flow Gent Sympathiepunkte. Breite Schutzbleche, fein dosierbare hydraulische Scheibenbremsen, eine Lichtanlage mit 70-Lux-Scheinwerfer und der wartungsarme Riemenantrieb machen das Bike zum idealen Begleiter für Menschen, die einfach nur fahren wollen. Optional bietet Yuccie einen Frontträger, der das dezente Urbanbike zum kleinen Lastenrad mutieren lässt.
Und selbst längere Touren schrecken das Junico Flow nicht. Nach rund 35 Kilometern Testfahrt in der mittleren Unterstützungsstufe 3 war der 360-Wh-Akku noch halbvoll. Die angegebenen 80 Kilometer Reichweite wirken also durchaus realistisch. Praktisch: Der Akku lässt sich einfach entnehmen, fällt beim Entriegeln aber nicht gleich unkontrolliert aus seinem Schacht. Die Aufladezeit bleibt kurz. Am nächsten Morgen steht der E-Antrieb wieder in vollem Saft und macht Lust auf die nächste kurze oder lange Yuccie-Sause. Angst vor einem Zwangsstopp wegen leerem Akku muss man nicht haben, denn allein mit Muskelkraft zu fahren ist auch kein Problem.
Man merkt dem Junico Flow an, dass hier nicht einfach möglichst viele Features zusammentragen wurden, sondern dass man sich auf ein stimmiges Gesamtpaket mit wegweisenden Komponenten wie Dual Speed Drive von Bafang konzentriert hat. Damit fährt sich das Flow ähnlich unkompliziert wie zum Beispiel ein VanMoof, verzichtet aber weitgehend auf proprietäre Technikexperimente und setzt stattdessen auf Komponenten etablierter Zulieferer. Das dürfte langfristig nicht die schlechteste Idee sein. Und dass Yuccie für sein gelungenes E-Bike-Paket inklusive Versand rund 2.500 Euro aufruft, macht die Sache umso sympathischer. Einfacher, stilvoller und stressfreier lässt sich elektrisches Alltagsradeln derzeit kaum inszenieren. (SP-X)

