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Geely: Ein Newcomer mit großen Ambitionen

Der Geely E5 ist mit E-Antrieb unterwegs. Foto: Geely

Geely kennt man als globalen Autokonzern. Nun bringen die Chinesen ihre Kernmarke nach Europa: den Auftakt machen der Plug-in Starray EM-i und der Stromer E5. Bald sollen es elf Modelle sein.

Mut haben sie bei Geely, das muss man ihnen lassen. Gleichsam aus dem Stand will der Konzern aus dem Reich der Mitte noch in diesem Jahr in Deutschland den großen Strom-Schlag wagen – im Land des unbegrenzten Fahrens. Und das, trotz des überschaubaren Bekanntheitsgrades, mit großen Ambitionen. Was allerdings nicht gänzlich abwegig scheint bei einem Unternehmen, das längst weltweit agiert.


Und dem gewaltigem Dach von Geely befinden sich neben Volvo auch Polestar, Lynk & Co, Zeekr und Lotus. Zudem sind die Chinesen in einem Joint Venture mit Mercedes-Benz an der Marke Smart beteiligt. Der Geely-Gründer Li Shufu hält darüber hinaus eine Beteiligung von rund zehn Prozent an Mercedes-Benz.

4,1 Millionen verkaufte Fahrzeuge

Damit ist klar: hier versucht sich gerade nicht das soundsovielte Start-up am Markteintritt, sondern womöglich die Vorhut eines Branchen-Riesen. Immerhin ist die Geely Holding mit 4,1 Millionen verkauften Exemplaren im vergangenen Jahr einer der fünf größten Autobauer der Welt. Allein die Kernmarke Geely kommt auf rund drei Millionen. „Deutschland ist für uns einer der wichtigsten Märkte in Europa“, sagt Deutschland-Chef Zack Zhang. „Und wir wollen uns hier nachhaltig etablieren.“ Punkten will Geely mit moderner Technologie, vernünftigen Preisen – und einem klassischen Vertrieb samt Service. Autokauf sei eine Frage des Vertrauens, sagt Zhang. Das gehe am besten vor Ort: mit einem Netz von Händlern.

Der Innenraum ist sachlich gestaltet: der E5 von Geely. Foto: Geely

An dem wird derzeit kräftig geknüpft. Allerdings darf man bei rund 50 Standorten zum Auftakt durchaus von noch sehr groben Maschen sprechen. Immerhin sei das Geflecht einigermaßen gleichmäßig über die Republik gespannt, lässt der für Vertrieb und Netzentwicklung zuständige Executive Director Philipp Hempel durchblicken. Bis 2027 soll die Zahl der Niederlassungen auf etwa 150 steigen, so der ranghöchste Nicht-Chinese im Unternehmen.

2028 bundesweite Abdeckung geplant

Schon 2028 soll dann die komplette Abdeckung erreicht sein. Auch auf dem für Neulinge eher schwierigen Terrain der Ersatzteilversorgung will sich Geely stark aufstellen – mit einem großen deutschen Zentrallager, das noch in diesem Jahr in Betrieb gehen wird. Und wer bei China und Qualität trotzdem Bedenken trägt: Geely gewährt acht Jahre Garantie (maximal 200.000 Kilometer) auf Auto und Batterie.

Nun ist „Gekommen um zu bleiben“ ein Anspruch, an dem sich schon andere – vornehmlich aus dem Reich der Mitte – versucht haben. Allerdings ist bei Geely der Markteintritt von langer Hand vorbereitet. Vor zehn Jahren schon haben die Chinesen begonnen, sich per Übernahme und Beteiligungen Knowhow zu integrieren. So steht etwa Volvo im Firmen-Konglomerat für Sicherheit, Polestar für Design. Lynk&Co für Premium, Zeekr für Innovation und Lotus mit seiner Rennsport-Expertise für sportlichen Antrieb. All das fließe in die Geely-Modelle ein. „Wir verkaufen Einkaufs- und Kinderwagen“, sagt Hempel. Übersetzt in VW-Deutsch: „Alles vom Polo bis zum Tiguan Allspace.“ Auf Sicht rechnet man in Deutschland mit einem Absatz von rund 30.000 Autos pro Jahr über alle Geely-Baureihen.

In Europa für Europa

Wissend um den bescheidenen Erfolg anderer Hersteller, sollen die Fahrzeuge nicht einfach aus China importiert werden. „In Europa für Europa“ lautet stattdessen die Devise. Und so betreibt Geely Entwicklungszentren im schwedischen Göteborg und im britischen Coventry, dazu ein Designzentrum im italienischen Mailand. Obendrein durchläuft jedes Auto für Europa das seit sieben Jahren in Raunheim bei Frankfurt ansässige Ingenieurszentrum. Dort werden insbesondere Fahrwerk, Lenkung und Bremsen an hiesige Anforderungen und Gewohnheiten angepasst. Bis 2030 plant Geely, zwei Drittel der in Europa verkauften Modelle auch in hier zu produzieren. Die Nutzung bestehender Volvo-Werke macht das möglich.

Selbstverständlich steht die Elektrifizierung auch bei Geely im Mittelpunkt. Den Plug-in-Hybrid Starray EM-i sieht Hempel dabei als „Brücke“ für eher Unentschlossene, den vollelektrischen E5 als „Ziel“. Ein absolutes Muss sei das E-Auto allerdings nicht. „Wir bauen, was nachgefragt wird“, sagt Hempel. Und das müsse nicht zwangsläufig einen Stecker haben. Kein Wunder: Zusammen mit Renault und dem saudischen Energieunternehmen Aramco eignet Geely seit 2024 mit Horse Powertrain einen weltweit führenden Hersteller von Verbrennungs- und Hybridmotoren. Besonders stolz ist Geely auf den hohen Grad eigener Ingenieursleistung. Batterie, Antrieb und Software werden konzernintern entwickelt. Beide Modelle sicherten sich fünf Sterne beim Crashtest Euro-NCAP.

PHEV mit fast 40 kWh-Batterie

Der Geely Starray EM-I ist ein PHEV. Foto: Geely

Der 4,74 Meter lange und 1,8 Tonnen schwere Starray EM-i im Porsche-Macan-ähnlichen Design kombiniert in der Version Pro+ einen 1,5-Liter-Sauger (125 PS) mit einem 160 kW starken E-Motor zu einer Systemleistung von 262 PS. Eine Batterie mit 29,8 kWh ermöglicht bis zu 136 Kilometer im reinen E-Betrieb, beim Basismodell sind es 83 Kilometer aus 18,4 kWh. Im Doppelherz-Betrieb schaffen beide mehr als 1.000 Kilometer. Und weil am Schnelllader stolze 78 kW (Basis: 38 kW) möglich sind, erstarkt der Akku in nicht mal 20 Minuten von 30 auf 80 Prozent. Als potenzieller Langstreckler ist der EM-i eher komfortabel ausgelegt, die Kurvenhatz zählt nicht zu seinen Kernkompetenzen. Gepäckraum hingegen schon: Hinter voller Bestuhlung finden 528 Liter Platz, bei umgeklappten Rücklehnen sind es knapp 2,1 Kubikmeter. Die Preise bewegen sich zwischen 32.990 und 37.990 Euro.
Deutlich straffer und weniger untersteuernd gibt sich der 4,61 Meter lange und ebenfalls 1,8 Tonnen schwere E5, der 160 kW (218 PS) an die Vorderachse bringt. Je nach Ausstattung hält der LFP-Akku 60,2 oder 68,4 kWh vor, die Reichweite liegt zwischen 430 und 450 Kilometer. Bei Ladeleistungen von bis zu 135 kW lässt sich der Speicher in 20 Minuten von 30 auf 80 Prozent bringen. Geely wirbt mit bis zu 3.500 Ladezyklen – das entspricht rund einer Million Kilometer Laufleistung. Gleichzeitig verzichtet die Zellchemie vollständig auf Kobalt und Nickel. Wer lieber Ladung transportiert als Leute: 461 Liter packt der Stromer ohne Umbau weg, mit kommen 1.877 unter – plus weitere 108 in den Tiefen des Kofferraums. Die Preise bewegen sich zwischen 37.990 und 42.990 Euro.

Doch das ist erst der Beginn der Offensive. Im September soll mit dem E2 ein weiterer vollelektrischer Kompaktwagen auf den deutschen Markt kommen. Aktuell werden die Autos in China verladen. Ein weiteres Modell für das D-Segment ist für Ende des Jahres angekündigt, bis 2028 will Geely mit insgesamt elf Kreationen die Segmente B, C und D abdecken. Kannibalisierung befürchtet Hempel dabei nicht. „Geely ist eindeutig die Volumenmarke im Konzern“, sagt er. „Volvo, Polestar, Lotus und Lynk & Co zielen auf völlig andere Käuferschichten ab.“

Über den Autor

Wolfgang Plank

Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz des Rallye-Copiloten.