Mobilität

Gaming: Wenn das Auto zur Konsole wird

Valeo bringt Spiele ins Auto. Foto: Valeo

Das softwaredefinierte Auto soll längst mehr sein als nur Fortbewegungsmittel: Es wird zur digitalen Erlebniswelt auf Rädern. Gaming spielt dabei eine immer größere Rolle.

Das Auto wird nicht nur zum Smartphone auf Rädern, sondern gleichzeitig zur rollenden Spielekonsole. Mit dem Wandel zum „Software Defined Vehicle” (SDV) entwickelt sich der Pkw zum digitalen Spiel- und Erlebnisraum. Immer mehr Hersteller nutzen Gaming nicht nur als Mittel zur Unterhaltung der Passagiere, sondern als strategisches Differenzierungsmerkmal in einem immer digitaleren Wettbewerb.


Nicht zuletzt die deutschen Hersteller versuchen mit Macht, ihren digitalen Rückstand gegenüber China aufzuholen. Auch durch Engagement im Gaming-Geschäft, das längst nicht mehr nur ein Kinder- und Jugend-Phänomen ist. Wer heute im richtigen Alter für einen Neuwagenkauf ist, der ist mit Commodore-Computern, Nintendo-Konsolen und MS-DOS-PCs aufgewachsen und hat vielleicht auch schon auf den Analogbildschirmen früher Mobiltelefone Snake und Breakout gezockt. Der weltweite Spielemarkt setzt nach Branchenschätzungen jährlich rund 200 Milliarden Dollar um, allein 80 Milliarden davon im sogenannten Casual-Segment, also bei Gelegenheitsspielen mit simplen Regeln und überschaubarem technischen Aufwand.

Audi schloss Kooperation mit N-Dream

Audi weiß das und hat schon 2023 eine Kooperation mit dem Zürcher Start-up N-Dream und seiner Plattform „AirConsole” geschlossen. In diversen Modellen der Marke können Insassen ihr Smartphone als Controller während der Fahrt mit dem Auto koppeln und über das Infotainment- oder Beifahrerdisplay Videospiele steuern. Volkswagen hat dieselbe Plattform im Frühjahr per Over-the-Air-Update auf rund 300.000 ID-Modelle ausgerollt, erlaubt das Spielen allerdings vorerst nur im Stand – auch weil es anders als bei der Premium-Schwester meist nur einen Bildschirm an Bord gibt.

Mercedes geht einen anderen, ambitionierteren Weg und integriert über die Cloud-Plattform „Boosteroid” sogar von der heimischen Konsole bekannte Blockbuster-Titel wie „Fortnite” oder „Starfield” ins MBUX-System. Porsche wiederum experimentiert mit Konzepten, bei denen reale Strecken in das Rennspiel „Assetto Corsa” übertragen werden.

Valeo sorgt für Spielelandschaft

Den derzeit vielleicht ehrgeizigsten Ansatz präsentiert der französische Zulieferer Valeo. Dessen Extended-Reality-Technik verwandelt die reale Fahrzeugumgebung in eine dynamische Spiellandschaft, indem Fahrzeugdaten wie Kamerabilder, GPS, Raddrehzahlen oder Parksensoren in das Spiel-Erlebnis einfließen. So fährt man beispielsweise mit einem virtuellen Rennauto über die digital kopierte Version der Straße, auf der das reale Auto gerade unterwegs ist.

Eine erste Serienanwendung der Technik läuft inzwischen in einem Renault-Modell für den asiatischen Markt, auf der Auto China in Peking hat der Zulieferer zudem seine Partnerschaft mit dem deutschen Spieleentwickler Holoride bekannt gegeben – einem Audi-Spin-off, das sein Geschäftsmodell Ende 2024 in Richtung Mobility-Gaming ausgerichtet hat. „Für uns ist das ein echtes Geschäft, ein zukunftsträchtiger Markt”, sagt Alexander Mühlbauer, der bei der Valeo Brain Division die Geschäftsentwicklung für digitale Dienste verantwortet. Eine seiner Herausforderungen heißt auch: Den Spielekatalog für die Valeo-Plattform füllen – umso mehr Optionen Kunden haben, desto höher die Attraktivität der Technik.

Technisch setzt Valeo beim Gaming ganz bewusst nicht auf die heute so beliebten Cloud-Lösungen, bei denen die Spiele eigentlich auf einem Computer in einem weit entfernten Rechenzentrum laufen – und nur die Darstellung auf dem eigenen Bildschirm erfolgt. Eine solche Form des Streamings ist auf eine stabile Mobilfunkverbindung angewiesen und bringt eine Latenz mit, die für Spiele während der Fahrt zum Problem wird. Valeo lässt deshalb alles im Fahrzeug rechnen. „Die Bewegungssynchronität zwischen dem, was ich sehe, und dem, was ich körperlich spüre, muss stimmen, wenn ich während der Fahrt spielen will”, erklärt Mühlbauer. „Die heutigen Cloud-Latenzen reichen dafür nicht aus.”

Leistung noch steigerungsfähig

Den Preis dieser Entscheidung benennt er offen: An die Leistung der aktuellen Spielkonsolen im heimischen Wohnzimmer kommen Fahrzeugrechner nicht heran. „Eine PlayStation 5 ist eine ganz andere Liga als das, was wir im Auto verfügbar haben.” Aktuelle Fahrzeug-Hardware entspreche im Grafikbereich etwa Tablets, die zwei bis drei Jahre alt seien. Für die anvisierte Spielegattung – Casual-Spiele für Zwischendurch mit physikbasierten Mechaniken – reicht das aber aus.

Vertrieben werden die Pkw-Games der verschiedenen Anbieter zunehmend über fahrzeugeigene App-Stores, die im Zuge des SDV-Trends in immer mehr Infotainment-Systemen zum Standard zählen. Üblich ist ein Modell aus kostenfreier Testphase und anschließendem Abo, bedient wird häufig über das Smartphone, optional auch über Bluetooth-Controller. Bislang können bei fahrendem Auto nur die Passagiere zocken – doch perspektivisch soll sich das ändern. Der nächste große Hebel für das Gaming liegt im automatisierten Fahren: Sobald der Fahrer seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf das Verkehrsgeschehen richten muss, darf er auch an den Videospiel-Controller. Analysten erwarten dann ganze Entertainment-Suiten – mit Haptik-Feedback über die Sitze, adaptiver Ambient-Beleuchtung und geräteübergreifender Cloud-Synchronisierung.

Valeo sieht sich dafür gut vorbereitet. Wer Fahrzeugdaten in Echtzeit verarbeitet, kann nicht nur Rennspiele nutzbar machen, sondern auch Augmented-Reality-Reiseführer, kontextbezogene Produktivitäts-Apps oder neue Formen immersiver Mediennutzung. „Der Zugriff auf Echtzeitdaten und den Fahrzeugkontext – das ist für uns die nächste Stufe der Entwicklung”, sagt Mühlbauer. Aus seiner Sicht werden sich im Auto auf Dauer ohnehin nur Lösungen durchsetzen, die diesen Kontext auch tatsächlich nutzen. Alles andere ließe sich genauso gut auf dem Smartphone erledigen, das auch in Zukunft wohl jeder Insasse dabeihat. Und das wohl der größte Konkurrent für das Zocken am Steuer ist. (SP-X)

Über den Autor

SP-X

SpotPress - abgekürzt SP-X - ist eine auf Nachrichten aus der Autoindustrie spezialisierte Agentur.