Europa steht an einem entscheidenden Wendepunkt – wie gelingt die Balance zwischen sicherer Energiezukunft und nachhaltiger Mobilität? Ein Gastbeitrag von Franca Pompey* von der Deutschen Energie-Agentur.
Europas „Green Deal” steht an einem Wendepunkt. Was lange als alternativloser Modernisierungspfad, als ‚Man-on-the-Moon‘-Moment galt, wird zunehmend kritisch hinterfragt. Nicht nur von politischen Rändern, sondern auch aus der Mitte der Gesellschaft und Wirtschaft. Steigende Energiepreise, hohe Investitionsbedarfe und wachsende Belastungen für Industrie und Verbraucher nähren Zweifel an Tempo und Ausgestaltung der Transformation.
Exemplarisch dafür steht die Diskussion um das sogenannte „Aus vom Verbrenner-Aus”. Dabei wurden in Sachen Energiewende bereits erhebliche Fortschritte erzielt. So hat die EU zwischen August 2022 und Januar 2025 ihren Gasverbrauch um 17 Prozent gesenkt sowie ihre Energieeffizienz und die Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen über die Erwartungen hinaus gesteigert.
Mehr Strom aus Wind und Solar
Seit 2022 erzeugt die EU mehr Strom aus Wind- und Solarenergie als aus Erdgas. Im Jahr 2023 lag die Stromerzeugung aus Gas sogar unter der aus Windkraft allein. Das jüngst präsentierte European Grids Package will sicherstellen, dass dieser Strom über Grenzen hinweg effizient eingesetzt und dadurch Preisschwankungen gemindert sowie die Versorgungssicherheit erhöht werden. Die damit steigende Planungskompetenz auf europäischer Ebene wird von einigen Mitgliedstaaten kritisch gesehen. Dabei ist ein koordiniertes europäisches Handeln im Energiebinnenmarkt inzwischen nicht mehr ausschließlich nachhaltigkeitspolitisch motiviert, sondern berührt zentrale wirtschafts- und sicherheitspolitische Fragestellungen.
Energiepolitik ist Sicherheitspolitik – darüber ist man sich in Europa spätestens nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine einig. Die abrupte Drosselung russischer Gaslieferungen hat die Verwundbarkeit insbesondere Deutschlands offengelegt und Energiesicherheit vom technokratischen Fachbegriff zum geopolitischen Schlüsselthema gemacht. Gleichzeitig hat sich das Verständnis von Energiesicherheit in der EU über die klassische Versorgungssicherheit hinaus in Richtung strategische Autonomie und systemische Resilienz – also die Fähigkeit des Energiesystems, Störungen zu verkraften – weiterentwickelt. Die große Abhängigkeit von fossilen Brennstoffimporten und der plötzliche Preisschock der Gaskrise rücken drei zentrale Resilienzhebel in den Mittelpunkt: die Diversifizierung von Lieferquellen und -routen, Energie- und Ressourceneffizienzsteigerungen sowie der beschleunigte Ausbau und die Nutzung heimischer Energieressourcen.
Rascher Aufbau von LNG-Infrastruktur
Auf nationaler Ebene lassen sich hierzu unterschiedliche Ansätze beobachten. Deutschland hat mit dem raschen Aufbau seiner LNG-Infrastruktur, langfristigen Lieferverträgen mit neuen Partnern und einer beschleunigten Genehmigung von Wind- und Solarprojekten auf Diversifizierung und Kapazitätsausbau gesetzt. Frankreich plädiert schon sehr lange für strategische Autonomie, die die EU als „dritte Supermacht” etablieren und Abhängigkeiten gegenüber den U.S.A. und China reduzieren soll.
Der Fahrplan zur Dekarbonisierung der französischen Wirtschaft und der Ausbau von Elektromobilität gelten hier als Ankerpunkte für Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit. Flankierend bilden Kernenergie, erneuerbare Energien und Instrumente zum Schutz gegen außereuropäischen Wettbewerb tragende Säulen der Strategie. Auch in Italien oder Polen rückt der Begriff der strategischen Autonomie mehr in den Fokus. Die Rückkehr zur Atomenergie in Italien und der Neueinstieg in Polen sollen ergänzend zum Ausbau der Erneuerbaren Versorgungssicherheit gewährleisten. Der Schutz von Energieinfrastruktur ist ein zentrales Anliegen. Auf EU-Ebene wird Energiesicherheit zunehmend systematisch verankert. Die Überarbeitung des „EU-Frameworks for Energy Security“ im ersten Quartal 2026 sowie ein „Fitness Check“ bestehender Regelwerke zielen darauf ab, neuen Risiken im Zusammenhang mit dem Klimawandel und dem sich wandelnden geopolitischen Umfeld strategisch auf EU-Ebene zu begegnen. So liegt der Fokus des Arbeitsprogramms der Kommission für 2026 auf “Europas Moment der Unabhängigkeit” verbunden mit neuen Maßnahmen zur Elektrifizierung, wodurch fossile Abhängigkeiten abgebaut werden sollen.
E-Mobilität als Baustein resilienter Energieversorgung
Besonders kritisch für die Reduktion fossiler Abhängigkeiten ist neben dem Wärmesektor der Bereich Verkehr, der rund 30 Prozent des gesamten Energieverbrauchs Deutschlands ausmacht und heute noch fast vollständig von importiertem Rohöl abhängig ist. Pipelines und LNG-Terminals erfordern zudem nicht nur hohe Anfangsinvestitionen, sondern gehen meist mit langfristigen Lieferverträgen einher – ein Lock-in-Effekt entsteht.
Bei der Infrastruktur für Elektromobilität stellt sich die Situation etwas anders dar. Rohstoffe wie Kupfer und Aluminium für den Netzausbau sowie Lithium und Kobalt für Batterien von E-Autos oder Großspeicher, werden in hohem Maße für die Bauphase benötigt, also für die anfänglichen Investitionen. Sind erneuerbare Energieanlagen, Stromnetze und elektrische Fahrzeuge jedoch erst einmal installiert, wird deren Versorgung unabhängiger von Drittstaaten. Aktuelle Studien zeigen, dass die EU ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffimporten bis 2040 nahezu halbieren könnte – insbesondere durch konsequente Elektrifizierung.
Abhängigkeiten vermeiden
Die zentrale Herausforderung besteht darin, mit dem wachsenden Bedarf an kritischen Rohstoffen nicht in neue Abhängigkeiten zu geraten, wie etwa von China, das rund 90 Prozent der Verarbeitung seltener Erden kontrolliert. Trotz derartiger Risiken trägt Elektromobilität zu einer Diversifizierung der bisher fossil dominierten Strukturen und gleichzeitig zur Dekarbonisierung bei. Eine umfassende Elektrifizierung des Verkehrssektors lässt sich jedoch nur dann energiepolitisch rechtfertigen, wenn sie neben der Substitution fossiler Kraftstoffe hinaus aktiv zur Stabilität und Flexibilität des Energiesystems beiträgt.
Der Stromverbrauch in Deutschland variiert im Tagesverlauf deutlich. So kommt es werktags insbesondere morgens und abends zu Lastspitzen, während nachmittags und nachts weniger Strom verbraucht wird. Auch die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien variiert stark. Insbesondere Strom aus PV-Anlagen folgt dem Verlauf der Sonne über den Tag. Würden E-Autos beim abendlichen Laden, wenn die Sonne bereits tief steht, kollektiv Strom beziehen, würde dies das Netz stark belasten. Mit Hilfe eines Smart-Meters ist es jedoch möglich den Ladezeitpunkt variabel zu starten, zu unterbrechen und zu beenden.
Pflicht zu Smart-Meter
Seit 2025 sind Haushalte mit einer Wallbox verpflichtet, ein solches intelligentes Messsystem zu installieren. So ist es einem angeschlossenen E-Auto nun möglich, seinen Ladevorgang erst in der Nacht zu beginnen, wenn die allgemeine Stromnachfrage niedriger ist oder dann zu laden, wenn das Stromangebot hoch ist, zum Beispiel zur Mittagszeit an sonnigen Tagen. Für Verbraucher zahlt sich das aus. Nutzen diese einen dynamischen Stromtarif – welchen Stromanbieter seit 2025 ihren Kunden verpflichtend anbieten müssen – können sie von günstigeren Strompreisen in der Nacht und zur Mittagszeit profitieren. Darüber hinaus ist es bereits möglich, dass ein über den Tag stehendes Fahrzeug seinen nachts gespeicherten Strom am Tage wieder ans Haus abgibt. Die Technologie, die das Abgeben von Strom aus der Batterie ermöglicht, ist das sogenannte „bidirektionale“ Laden. Bei Wallboxen und E-Pkw ist die Fähigkeit zwar noch nicht flächendeckend vorhanden, wird jedoch immer mehr zum Standard.
Nicht nur Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren vom flexiblen Laden, sondern auch das Stromnetz und die Stromerzeugung. Durch eine Verringerung der Auslastung in Spitzenzeiten werden Netzengpässe vermieden und durch die gezielte Nutzung von Strom in Zeiten hoher Verfügbarkeit werden erneuerbare Energien effizienter genutzt. Langfristig kann das zu einer Reduzierung des Netzausbaubedarfs beitragen und die notwendige Erzeugungsleistung erneuerbarer Energien reduzieren. Das senkt die Systemkosten, erhöht die Sicherheit des Gesamtsystems, steigert die Energieeffizienz und reduziert die THG-Emissionen. Zwar wird die Stabilität des zukünftigen Stromsystems nicht vorrangig durch Elektromobilität gesichert – hierfür sind vor allem Großbatterien ausschlaggebend – doch jüngste Ereignisse in Berlin haben gezeigt, wie wertvoll eine 60 kWh-Autobatterie im Ernstfall auch für Privathaushalte sein kann.
E-Autos als Notstromlieferanten
Am 03. Januar 2026 legte ein Sabotageakt an einer Kabelbrücke den Südwesten Berlins für mehrere Tage lahm. Haushalte, Altenheime und Mobilfunkmasten wurden teils für einige Stunden und sogar für mehrere Tage nicht mehr mit Strom versorgt. Die Gefahr ähnlicher Angriffe auf unsere Energieinfrastruktur wird zukünftig wohl zunehmen. Eigenheime mit Wallbox verfügen in einem solchen Fall vermutlich über das größte Potenzial, einen Stromausfall zeitweise autark zu überbrücken. Angeschlossene Elektroautos können Haushalte über mehrere Stunden und sogar Tage mit Strom versorgen (Vehicle-to-Home). Lichter blieben an, Heizungen und Smartphones liefen weiter – bidirektional versorgt durch den Strom aus der E-Autobatterie.
Japan, das oft von Naturkatastrophen und entsprechenden Stromausfällen betroffen ist, denkt hier noch weiter und hat im Rahmen des Blue Switch Projekts abgelegene Kommunen mit E-Autos angefahren, um notwendiges Equipment direkt mit Strom zu versorgen. In einem weiteren Experiment wurden Aufzüge in einem Gebäude mithilfe einer Autobatterie notbetrieben und auch in den USA wird sich mit den Möglichkeiten von E-Autos zur Krisenvorsorge beschäftigt.
Marode Infrastruktur als Problem
In Deutschland werden vergleichbare Szenarien in einem Forschungsprojekt vom Max-Planck-Institut erprobt. Hier geht es nicht nur um den Einsatz von Pkw, sondern auch um den von Nutzfahrzeugen. Lkw und Busse verfügen pro Fahrzeug über eine bis zu zehnmal so große Batteriekapazität wie Pkw. Große Verbraucher wie Pflegeheime verfügen anders als Krankenhäuser oftmals nicht über Notstromaggregate und saßen auch im Berliner Beispiel schlagartig im Dunkeln. Nutzfahrzeuge könnten solch vulnerable Einrichtungen in akuten Notfällen anfahren. Um die Gebäude kompatibel mit einer externen Batterieversorgung zu machen, müssten natürlich vorab entsprechende Umbaumaßnahmen getroffen werden.
Von solch akuten Notsituationen, über die kostensparende Ergänzung in einem dezentralen Stromsystem bis hin zum Einfluss auf strategische Rohstoffabhängigkeiten: Elektromobilität trifft in den vielen Diskussionen um marode Infrastruktur und geopolitische Spannungen einen Nerv. Selbst wenn einige die Elektrifizierung des Verkehrs- und Energiesystems nicht mehr vorrangig aus Nachhaltigkeitsgründen vorantreiben wollen, sollte dennoch die Aussicht überzeugen, Deutschland und Europa resilienter und flexibler zu machen.
Autor*innen:
Franca Pompeÿ (Teamleiterin Europa, Dena)
Axel Blume (Arbeitsgebietsleiter Mobilität,Dena)
Mel Goering (Seniorexperte Mobilität, Dena)



