Mit dem neuen #2 will Smart an sein ursprüngliches Konzept anknüpfen: ein sehr kompaktes Stadtauto für zwei Personen. Der elektrische Zweisitzer soll die Lücke schließen, die nach dem Produktionsende des Fortwo entstanden ist.
Zweieinhalb Meter Auto – mehr brauchte es nach Ansicht von Nicolas G. Hayek nicht. Der Gründer des Uhrenherstellers Swatch träumte Anfang der 1990er-Jahre von einem radikal anderen Stadtfahrzeug: klein, leicht individualisierbar und möglichst elektrisch angetrieben. Nachdem eine zunächst angestrebte Zusammenarbeit mit Volkswagen nicht zustande gekommen war, fand Hayek bei Mercedes einen Partner. 1994 gründeten beide die Micro Compact Car GmbH – die Keimzelle der heutigen Marke Smart.
Ganz aus dem Nichts kam die Idee für Mercedes nicht. Bereits 1981 hatte der Hersteller mit der nur 2,50 Meter langen Studie NAFA, kurz für Nahverkehrsfahrzeug, darüber nachgedacht, wie ein Auto für immer dichter werdende Städte aussehen könnte. Doch erst die Zusammenarbeit mit Hayek machte aus solchen Überlegungen ein Serienprojekt.
City-Coupe kam 1998
1998 kam schließlich das Smart City-Coupé auf den Markt. Gerade einmal rund 2,50 Meter lang, mit zwei Sitzen, Heckmotor und Hinterradantrieb, wirkte es neben konventionellen Kleinwagen beinahe wie ein Spielzeug. Die auffällige Tridion-Sicherheitszelle umschloss die Passagiere wie ein Schutzkäfig, außen ließen sich farbige Kunststoffteile vergleichsweise einfach austauschen. Und dank der extrem kurzen Karosserie sollte der Smart dort noch einen Parkplatz finden, wo andere längst weiterfahren mussten. Berühmt wurde die Idee, quer zur Fahrtrichtung in ausreichend breite Parklücken zu fahren.
Der erste Smart polarisierte entsprechend. Für die einen war er ein „Elefantenrollschuh“, für die anderen die schlüssigste automobile Antwort auf überfüllte Innenstädte. Konventionell war an dem Zweisitzer jedenfalls wenig. Selbst das automatisierte Schaltgetriebe verlangte seinen Fahrern mit seinen ausgeprägten Schaltpausen Gewöhnung ab.
Entstehung nicht ohne Brüche
Auch die Entstehungsgeschichte verlief nicht ohne Brüche. Hayek zog sich noch vor dem Marktstart zurück und verkaufte seine Anteile 1998 an Daimler. Einer der Gründe war die Antriebsfrage: Während Mercedes zunächst auf Benzin- und später auch Dieselmotoren setzte, hatte der Swatch-Gründer schon früh einen elektrischen Smart vor Augen. Dass ausgerechnet der Elektroantrieb Jahrzehnte später zum einzig verbliebenen Antrieb des Zweisitzers werden sollte, gehört zu den Ironien der Smart-Geschichte.
Mit dem Ausbau der Modellpalette erhielt das City-Coupé 2004 schließlich den Namen, unter dem es zum Begriff wurde: Fortwo. Smart versuchte sich gleichzeitig an größeren und sportlicheren Autos. Roadster und Roadster Coupé entwickelten zwar eine treue Fangemeinde, verschwanden jedoch schon nach wenigen Jahren wieder. Auch der erste viersitzige Forfour, gemeinsam mit Mitsubishi entwickelt, blieb nur kurz im Programm. Der Fortwo hingegen überlebte.
2007 folgte die zweite Generation. Sie wuchs auf knapp 2,70 Meter, blieb ihrem Grundkonzept aber treu. Gleichzeitig begann Smart, den Elektroantrieb ernsthafter zu erproben. Zunächst entstanden kleine Flotten des Electric Drive, ab dem folgenden Jahrzehnt wurde der elektrische Fortwo zu einem regulären Serienmodell.
Die dritte Generation startete 2014 und entstand gemeinsam mit Renault – vor allem, um die Entwicklungskosten zu senken. Fortwo und Renault Twingo teilten sich wesentliche technische Grundlagen, behielten aber unterschiedliche Charaktere. Während der Twingo als Viertürer auftrat, blieb der Smart ein extrem kurzer Zweisitzer. Die Karosserie wuchs nur geringfügig auf 2,69 Meter, wurde aber deutlich breiter. Zusammen mit dem parallel angebotenen Forfour hielt Smart damit noch einmal am klassischen Kleinstwagen-Konzept fest.
Am Ende setzte sich zugleich eine Idee durch, mit der Hayek Jahrzehnte zuvor gestartet war: Smart wurde zur Elektro-Marke. In Europa verschwanden die Verbrennungsmotoren 2019 aus dem Angebot, übrig blieben EQ Fortwo und EQ Forfour.
Neuaufstellung mit Geely
Kurz darauf änderte sich Smart jedoch grundlegend. Mercedes-Benz und der chinesische Geely-Konzern stellten die Marke gemeinsam neu auf. Design und Markenführung blieben stark von Mercedes geprägt, Entwicklung und Produktion wanderten jedoch weitgehend nach China. Zugleich verabschiedete sich Smart zunächst vom Kleinstwagen. Mit #1, #3 und später #5 kamen elektrische Crossover auf den Markt, erheblich größer als alles, was früher mit der Marke verbunden worden war. Der Fortwo lief noch einige Zeit weiter, bevor seine Produktion 2024 endete. Damit fehlte Smart ausgerechnet jenes Auto, mit dem die Marke bis dahin fast synonym gewesen war.
Diese Lücke soll nun der #2 schließen. Die Serienversion des neuen elektrischen Zweisitzers feiert im Oktober auf dem Pariser Autosalon Premiere. Dabei will er nicht zum Retro-Smart werden. „Es sollte kein Retro-Modell entstehen, sondern eine moderne Interpretation mit einem hohen Wiedererkennungswert“, sagt Smart-Designer Sylvain Wehnert. Trotzdem orientieren sich die Entwickler bewusst an den Grundideen des Vorgängers: kurze Karosserie, Räder weit außen und möglichst viel Innenraum auf möglichst kleiner Verkehrsfläche.
Tridion-Zelle lebt weiter
Selbst die Tridion-Zelle lebt konzeptionell weiter, auch wenn sie äußerlich nicht mehr so demonstrativ sichtbar sein wird wie beim ersten Smart. Die Sicherheit eines so kleinen Autos müsse heute nicht mehr grundsätzlich bewiesen werden, sagt Wehnert. Stattdessen nimmt das zweifarbige „Halo Roof“-Dach das Thema gestalterisch auf.
Vor allem aber kehrt mit dem #2 die ungewöhnlichste Eigenschaft des Smart zurück: seine Beschränkung auf zwei Insassen und so wenig Auto wie möglich drumherum. Während praktisch jedes andere Modell über seine Generationen immer größer geworden ist, soll der neue Zweisitzer bewusst kompakt bleiben. Die heutigen Anforderungen an die Crash-Sicherheit und der Elektroantrieb machen diese Aufgabe nicht leichter.
Für Smart besitzt das Projekt eine Bedeutung, die weit über ein zusätzliches Einstiegsmodell hinausgeht. „Der Zweisitzer bleibt der Nukleus der Marke“, sagt Wehnert. Nach Jahren, in denen Smart vor allem zeigen wollte, dass die Marke auch größere Autos bauen kann, soll der #2 nun beweisen, dass sie ihre wohl wichtigste Idee noch beherrscht. (SP-X)


