Interviews Mobilität

Podcast mit Katja Diehl: Der Fisch stinkt vom Kopf

Ihr Buch "Autokorrektur" ist ein Spiegel-Bestseller: Katja Diehl. Foto: Benjam Pichelmann.

Katja Diehl fordert in ihrem Buch „Autokorrektur“ das Recht auf ein Leben ohne Auto. Im Podcast mit electrified sprach die Mobilitätsexpertin unter anderem über ihr Buch und ihre Forderungen an die Politik.

Wofür steht Volker Wissing mit seiner Politik? Das wisse sie immer noch nicht und darum wollte Katja Diehl auf der Klimabuchmesse Mitte Juni mit dem Bundesverkehrsminister über ihr Buch „Autokorrektur“ diskutieren. Doch diese Frage bleibt für Diehl vorerst unbeantwortet. Der lange geplante Termin wurde vom FDP-Politiker mit Verweis auf seinen Kalender abgesagt.

„Die überraschende Absage wirft kein gutes Licht auf die Bereitschaft des Ministers, sich den drängenden Fragen einer gesellschaftlichen Transformation zu stellen“, kommentiert Diehl die Absage auf ihrer Webseite. Es wäre eine angeregte Diskussion geworden. Denn im Vorfeld hatte sie mit Kritik an der Verkehrspolitik in Deutschland nicht gespart, so auch im Podcast für electrified, den wir am Weltfahrradtag am 3. Juni mit ihr aufgezeichnet haben.

„Es ist wie immer: Der Fisch stinkt vom Kopf“, sagt Diehl. Dabei müsste gerade das Bundesverkehrsministerium das Umdenken steuern, wenn es um die Verkehrswende geht. Doch anstatt sich über die Mobilität der Zukunft Gedanken zu machen, würde seit Jahrzehnten immer mehr Geld für die Straße als für die Schiene ausgegeben. Wie schlecht es um den Zustand der Bahn bestellt sei, dass merke man gerade jetzt mit dem Neun-Euro-Ticket. Da habe die Bahn einen echten Stresstest vor der Brust.

„Die Verkehrswende hat noch nicht begonnen“

So gut und wichtig der Föderalismus in Deutschland auch sei, aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen merke man doch, „dass da einige Sachen mit der Verkehrswende haken“, stellt Diehl fest. Doch was heißt schon Verkehrswende? Sie sei da mal böse und behaupte: „Die Verkehrswende hat noch nicht begonnen.“ Zwar haben wir „unheimlich viele Kongresse, unheimlich viele Panels und Lippenbekenntnisse“, doch so richtig schnell komme die Transformation nicht voran.

In anderen Ländern gehe es zügiger voran, sagt Diehl und verweist auf die französische Hauptstadt Paris. Dort sei Bürgermeisterin Anne Hidalgo auch wiedergewählt worden, um die Stadt autofrei zu machen. Dabei würde das Auto von Hidalgo keineswegs verdammt, sondern sie setze den Menschen in den Vordergrund ihres Handelns. Dass in Paris die Menschen entlang der Seine vom Auto befreit wurden und zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sein können, sei ein merklicher Gewinn an Lebensqualität. Einen solchen Effekt zu spüren sei „kein Verzicht, es ist ein Gewinn“, sagt Diehl. „Solche Reallabore fehlen uns leider.“

Unterwegs mit Klapprad von Brompton

Katja Diehl unterwegs mit ihrem Klapprad von Brompton. Foto: Benjamin Pichelmann

Katja Diehl selbst hat kein Auto. Für sie als Großstädterin funktioniert der Verzicht. „Ich habe das Privileg, ohne eigenes Auto leben zu können“, sagt sie. „Maximal nutze ich mal einen Mietwagen, wenn ich zu meinen Eltern fahre.“ Wenn sie unterwegs ist, nutzt sie den Zug und hat ihr elektrisch unterstütztes Faltrad von Brompton dabei. Das sei eine hervorragende Kombination. „Ich steige aus dem Zug aus, klappe das Rad auseinander und bin sofort mobil.“

Und, ist sie als Vielfahrerin mit der Bahn zufrieden? Nun ja, in dem Waggon, mit dem sie am Tag unseres Gesprächs nach Hamburg gereist war, war die Klimaanlage ausgefallen. Doch sei das nur die Verantwortung der Bahn? Nein, es sei das Ergebnis eines jahrzehntelangen Sparkurses. Andere Länder wie Österreich mit den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und seinem Nachtzugsystem oder Japan mit seinen tollen Schnellzügen würden sich hier auf einem ganz anderen Level befinden.

Besitz eines Autos nicht vorstellbar

Kann sich Katja Diehl überhaupt noch den Besitz eines eigenen Autos vorstellen? Nein, kann sie nicht. Sie wüsste auch nicht, warum sie sich eines anschaffen sollte – und verweist auf die Kosten von mindestens 300 bis 400 Euro pro Monat. Vielmehr genießt sie es, dass der Fahrradverkehr verstärkt in den Fokus rückt. Deshalb wünscht sie sich, dass sich die Fahrradinfrastruktur weiter verbessert, sich nicht nur die im Verkehr sicher fühlen, „die eine Fahrgastzelle um sich herum haben“. Davon sei man aber noch entfernt. „Aktuell fühlt es sich nicht gut an, in Hamburg oder anderen Städten Fahrrad zu fahren.“

Auf dem Weg vom Bahnhof ins Büro hätte sie sich wie auf einem Trailerpark gefühlt – überall nur große Autos. Wenn sie in Hamburg auf der Straße zu Fuß unterwegs sei, würde sie mit ihrer Körpergröße von 1,68 Meter angesichts der vielen SUVs das Gefühl haben, „gegen eine Küchenschrankwand von Auto“ zu laufen. Da frage sie sich: „Was ist hier eigentlich los?“ Die Autos, die die Industrie baue, seien viel zu groß – und würden damit zugleich auch zu viel Platz in der Stadt beanspruchen. Deshalb brauche es Regulierung, damit sich etwas ändert. Wie Diehl sagt, hätte ihr bei einem Vortrag einmal ein Mitfünfziger aus dem Publikum gesagt, dass er weiter seine Tochter morgens 800 Meter zur Kita bringen würde, wenn ihm das nicht verboten würde.

Im ländlichen Raum Alternativen zum Auto fordern

Doch was ist mit den Menschen im ländlichen Raum? Können die auf ein Auto verzichten? Sie selbst würde ein Viertel ihres Lebens nach wie vor im ländlichen Raum bei ihren Eltern verbringen, da sie „ihre Mama unterstütze“ und da wisse sie, dass es dort zum Auto keine Alternative gebe. „Da sind die Menschen gezwungen, Auto zu fahren“.

Doch müsse man sich auch an die eigene Nase fassen, sagt Diehl. Denn das sei nicht immer so gewesen. Was sich geändert habe, sei ja nicht die Anzahl der Wege, die man am Tag bestreiten würde, sondern die Wegstrecke – und die hat sich durch das Auto verändert. „Wir selber haben mit unserer Automobilität dafür Sorge getragen, dass es immer weitere Strecken, immer weniger Nahversorgung gab.“ So gäbe es nicht mehr den Supermarkt im Ort, sondern außerhalb auf der grünen Wiese. „Deshalb fordere ich dazu auf, nach Alternativen zum Auto zu fragen, damit auch diejenigen im ländlichen Raum leben könnten, die keinen Führerschein besitzen.“ Nach wie vor würde gerade auch im ländlichen Raum zu autofixiert geplant, kritisiert Diehl.

Endlich Zukunft der Mobilität gestalten

Mobilitätsexpertin Katja Diehl fordert ein Recht auf ein Leben ohne Auto. Foto: Benjamin Pichelmann

In ihrem Buch widmet Diehl auch ein Kapitel der „Nicht-männlichen-Mobilität“. Braucht es also eine feministische Verkehrspolitik, damit sich auf der Straße und Schiene etwas ändert? Das habe nicht nur etwas mit Frauen zu tun, sondern mit dem Abbild der Gesellschaft. „Hätten Frauen die Verkehrswelt geprägt, wären auch Lücken im Plot“, erläutert Diehl. Aber es es sei wenig zielführend, wenn insbesondere Männer die Verkehrspolitik bestimmen. Als Beispiel nennt sie Wissings Amtsvorgänger Andreas Scheuer (CSU), der in den oberen drei Führungsebenen im Verkehrsministerium „nur weiße, mittelaltere Männer“ gehabt habe. „Da kann nichts Gutes dabei rumkommen. Ich wäre mit mir auch einig, wenn ich mit lauter Katjas etwas machen würde.“

Deshalb müsse endlich die Zukunft der Mobilität gestaltet werden. „Wir reden jetzt seit 15 Jahren über die Mobilität der Zukunft“, sagt Diehl. Doch sie denke sich immer: „Hm, wann sie wohl kommt?“ Wer darüber redet, der müsse dafür sorgen, dass alle Menschen mit ihren Bedürfnissen einbezogen werden. Da sind beispielsweise Menschen im Rollstuhl oder auch Kinder, die sich immer weniger bewegen würden. Es sei schön und gut, dass die neuen ICEs bald mit besserem WLAN unterwegs seien. Doch das nütze Menschen im Rollstuhl wenig. Sie kommen immer noch nicht problemlos in die Züge, müssen sich einen Hublift anfordern und sitzen separiert. Es täte allen gut, wenn es hier barriereärmer zugehen würde, sagt Diehl. „Wir können die Zukunft nur gut machen, wenn wir möglichst viele daran beteiligen, auch an der Mobilität.“

Dass die EU ihr Ziel „Fitfor55“ auf den Weg gebracht hat, und damit bestrebt ist, die Pariser Klimaziele zu erfüllen, wird von Diehl begrüßt. Sie sei ein Europa-Fan, weil die Maßnahmen, die da beschlossen werden, auch Einfluss auf die Verkehrspolitik haben. Es stehe zwar im Koalitionsvertrag, dass es bis 2030 in Deutschland 15 Millionen E-Autos geben soll. Diehl bezeichnet dies als „ein Bullshit-Ziel“, da nirgends geklärt ist, ob dazu auch teilelektrische Fahrzeuge gehören. Von der Autoindustrie jedenfalls würde sie sich mit Blick auf die Transformation mehr versprechen – auch mit Blick auf deren Abschied vom Verbrenner. Als sie neulich einmal VW-Chef Herbert Diess (er ist übrigens der einzige CEO, dem sie ihr Buch geschickt hat) im Fernsehen davon sprechen hörte, dass VW bis mindestens 2033 in Europa Verbrenner baue, hat sie ausgeschaltet. Dass bei der Autoindustrie der unbedingte Wille vorhanden ist, sich trotz des dramatischen Klimawandels zu transformieren, kann Diehl nicht erkennen. Dabei gebe es Marken, die das erfolgreich gemacht haben, sagt Diehl und verweist auf die Outdoormarke Vaude, deren Chefin es geschafft habe, die Marke nachhaltig zu verändern.

Sie könnte besser damit leben, wenn die Autoindustrie sagen würde, dass sie das System so lange wie möglich auslutsche, um hohe Margen zu erzielen und seine Aktionäre zu befriedigen als vorzugeben, sich zu transformieren. „Ich fühle mich gerade belogen.“

Über den Autor

Frank Mertens

Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur (ddp/ADN) gelernt. Danach war er jahrelang Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das bloße Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch den redaktionellen Teil des Magazins electrified.

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