Deutschland muss sich unabhängiger von Energieimporten machen. Interview spricht E.ON-Manager Martin Endress über die Energiewende, den Tankrabatt und die Elektromobilität.
Deutschland ist abhängig von Energieimporten. Das hat die Energiekrise in Folge des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine eindrücklich gezeigt. Zuletzt stiegen die Sprit- und Energiepreise wegen des Iran-Krieges deutlich an. „Die aktuelle Situation zeigt uns einmal mehr, wie wichtig es ist, unsere Abhängigkeit von fossilen Importen konsequent zu verringern. Dafür müssen wir stärker auf Strom aus Wind und Sonne setzen – und es den Menschen leichter machen, selbst Teil dieser Energiewende zu werden“, sagte EON-Manager Martin Endress im Interview mit electrified. Endress ist bei E.ON Deutschland Chief Commercial Officer (CCO) und damit auch für das Kundengeschäft mit rund 13 Millionen Privat- und Geschäftskunden verantwortlich. In dem Gespräch sprach der Manager u.a. auch über die Elektromobilität, den Ausbau der Erneuerbaren Energien und auch den Tankrabatt, den er als „falschen Weg“ bezeichnet.
“Können Preise stabil halten”
electrified: Herr Endress, die Krise im Nahen Osten hat zu steigenden Sprit- und Energiepreisen geführt. Seit Ausbruch des Irankrieges sind die Kosten für eine Megawattstunde Strom um mehr als 80 Prozent gestiegen. Müssen sich die Verbraucher langfristig auf höhere Stromkosten einstellen?
Martin Endress: Dank unserer langfristigen Beschaffung können wir die Preise für unsere Bestandskunden bei Strom und Gas im Jahr 2026 trotz der geopolitischen Spannungen stabil halten – so haben wir sie davor geschützt, dass kurzfristige Preis-Ausschläge direkt auf ihre Preise durchgeschlagen haben. Natürlich können auch wir uns der Entwicklung an den globalen Märkten nicht entziehen.
electrified: Spätestens der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die darauf folgende Energiekrise hat gezeigt, wie abhängig wir von Energieimporten sind. Der Irankrieg hat zuletzt zu steigenden Öl- und Gaspreisen geführt. Ist Energie zur Waffe in geopolitischen Konflikten geworden?
Endress: Die aktuelle Situation zeigt uns einmal mehr, wie wichtig es ist, unsere Abhängigkeit von fossilen Importen konsequent zu verringern. Dafür müssen wir stärker auf Strom aus Wind und Sonne setzen – und es den Menschen leichter machen, selbst Teil dieser Energiewende zu werden, etwa mit einer Solaranlage auf dem eigenen Dach. Gleichzeitig brauchen wir mehr Elektrifizierung bei Wärme und Mobilität. Die Stromsteuer zu senken, wäre dafür der richtige Weg – gut, dass in dieses Thema jetzt neue Bewegung gekommen ist.
„Tankrabatt ist der falsche Weg“
electrified: Haben Sie den Eindruck, dass die Bundesregierung und vor allem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche genug tut, um Deutschland bei der Energiepolitik resilienter zu machen?
Endress: Gerade der Tankrabatt ist aus meiner Sicht der falsche Weg: Er setzt weiter beim fossilen Verbrauch an und schafft keine dauerhafte Entlastung. Gleichzeitig ist mir wichtig: Viele Menschen können nicht kurzfristig auf ein E-Auto umsteigen. Gerade deshalb brauchen wir eine Lösung, die allen zugutekommt. Eine Senkung der Stromsteuer entlastet Haushalte unabhängig davon, welches Auto sie fahren, und macht zugleich elektrische Lösungen wie Wärmepumpen und E-Mobilität attraktiver. So verbinden wir soziale Entlastung mit mehr Importunabhängigkeit.
electrified: Müsste Deutschland angesichts der Energieabhängigkeit den Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen?
Endress: Wir sind jetzt in der zweiten Halbzeit der Energiewende. Jetzt geht es nicht einfach nur um mehr Erneuerbare, sondern um einen zielgerichteten Ausbau und ein intelligentes Energiesystem. Dazu gehören mehr Flexibilität und bessere Preissignale. Damit bekommen Kundinnen und Kunden einen Anreiz, ihr E-Auto etwa dann zu laden, wenn viel Strom verfügbar und die Nachfrage gering ist – das senkt Kosten und entlastet die Netze.
electrified: Welche Rolle spielt für das Geschäft von E.ON der Absatz von Wärmepumpen und Solaranlagen?
Endress: Wir gehören mit unseren Solar-Töchtern zu den größten Solar-Installateuren in Deutschland und unterstützen unsere Kundinnen und Kunden dabei, ihren Energieverbrauch zu elektrifizieren – von der Solaranlage und dem Speicher bis zur Wärmepumpe, E-Mobilität und smarten Tarifen. Gerade in einem Markt, der aktuell unter hohem Druck steht, sind wir ein sicherer Anker: mit Stärke, langjähriger Energieexpertise und Lösungen, auf die sich unsere Kundinnen und Kunden auch in Zukunft verlassen können.
electrified: E.ON hat unlängst eine Studie veröffentlicht, nach der die Bürger ihre Stromkosten jährlich bis zu 1,65 Milliarden Euro reduzieren können, wenn sie ihren Verbrauch zeitlich verlagern. Sollten Verbraucher sich schnell für einen dynamischen Stromtarif samt Smart Meter entscheiden, um Geld zu sparen?
Endress: Unsere Studie betrachtet dynamische Tarife und Festpreis-Tarife mit Flexibilitätsbonus für Verbräuche in optimierten Zeitfenstern. Welcher Tarif passt, ist individuell. Wer Preise aktiv im Blick hat und seinen Verbrauch verschieben kann, kann mit einem dynamischen Tarif sparen – trägt aber auch das Preisrisiko. Einfacher geht es mit einem Festpreis-Tarif mit Flexibilitätsbonus: Ich schließe abends mein E-Auto an, geladen wird automatisch dann, wenn Strom günstiger ist. Morgens ist der Akku voll und für die Flexibilität gibt es einen Bonus – kein Aufwand, kein Komfortverlust, das passt für viele Menschen.
„Flexibilität heißt nicht Kontrollverlust“
electrified: In anderen Ländern wie Großbritannien sind Smart Meter fast in der Fläche verbaut, in Deutschland sind sie eher die Ausnahme. Hätte die seit 2025 geltende Einbaupflicht früher kommen müssen?
Endress: Smart Meter sind der Schlüssel, um das Potenzial flexibler Tarife voll auszuschöpfen. Deshalb brauchen wir beim Einbau deutlich mehr Tempo – damit Energievertriebe attraktive Lösungen schnell zu den Kundinnen und Kunden bringen können. Beispielsweise in Großbritannien und Italien wird bereits heute die nächste oder übernächste Generation von Geräten verbaut. E.ON ist in diesen Ländern Treiber. Und das gilt auch für Deutschland: Denn auch hier hat E.ON bereits über eine Million Smart Meter installiert – trotz der komplexen Prozesse.
electrified: Viele Menschen möchten ihre Geräte nicht von einem Energieversorger steuern lassen. Wie lässt sich Flexibilität mit dem Wunsch nach Kontrolle und Datenschutz verbinden?
Endress: Flexibilität heißt nicht Kontrollverlust. Im Gegenteil: Moderne Energiemanagementsysteme machen den Verbrauch transparent und optimieren ihn nach den Vorgaben der Kundinnen und Kunden. Speicher, E-Auto oder Wärmepumpe laufen so möglichst effizient – aber die Entscheidung bleibt beim Menschen. Wer sein Auto sofort laden will, kann die smarte Steuerung jederzeit stoppen.
electrified: Laut Studie hätte allein durch die zeitliche Verschiebung für 2026 ein theoretisches Flexibilitätspotenzial von 18,3 Terawattstunden bestanden. Was bedeutet so etwas für die Stabilität des Stromnetzes?
Endress: Wir haben uns bei der Studie auf den Benefit für die Kunden konzentriert, aber: Wenn sich flexible Verbräuche zeitlich steuern lassen, können auch die Stromnetze entlastet und erneuerbare Energien effizient genutzt werden. Intelligente Messsysteme und digitale Energiemanagementlösungen spielen dabei eine wichtige Rolle.
“Unser Stromverbrauch muss flexibler werden”
electrified: Was bedeutet die zunehmende Elektrifizierung für das Energiesystem? Reicht es aus, zusätzliche Erzeugungskapazitäten und Netze aufzubauen, oder müssen wir unseren Umgang mit Strom grundlegend verändern?
Endress: Der Ausbau von Erzeugung und Netzen ist wichtig. Aber das allein reicht nicht. Mit der Elektrifizierung muss auch unser Stromverbrauch flexibler werden. Davon profitieren alle: Kundinnen, Kunden und Unternehmen können ihre Energiekosten senken – und gleichzeitig wird der Systemkostenanstieg für alle gedämpft.
„E-Autos können zu mobilen Speichern werden“
electrified: Das bidirektionale Laden wird auch bei E-Autos immer relevanter. Wie wichtig ist diese Technologie für die Netzstabilität und auch unter Kostenaspekten für E-Autofahrer?
Endress: E-Autos können zu mobilen Speichern werden: Sie nehmen überschüssigen Wind- und Solarstrom auf und speisen ihn bei hoher Nachfrage wieder ein. Das stabilisiert das System, erleichtert die Integration erneuerbarer Energien und dämpft langfristig die Kosten für alle. Und für E-Autofahrerinnen und -fahrer, die ihr Fahrzeug zur Verfügung stellen, hat die Technologie wirtschaftliche Vorteile für die Bereitstellung von Flexibilität. Im gemeinsamen V2G-Angebot von BMW und E.ON erhalten Kundinnen und Kunden beispielsweise einen Bonus von bis zu 720 Euro pro Jahr allein für die Zeit, in der das Fahrzeug angeschlossen ist.
electrified: Mit Solaranlagen, Batteriespeichern und Elektroautos wird der Verbraucher zunehmend auch zum Stromproduzenten beziehungsweise zu einem flexiblen Teilnehmer am Energiemarkt. Wie stark verändert das die Rolle des Kunden?
Endress: Der Kunde wird vom Verbraucher zum Gestalter des Energiesystems – zum Flexumer. Mit Solaranlage, Speicher und Elektroauto kann er nicht nur Energie nutzen, sondern auch erzeugen, speichern und flexibel steuern. Das schafft finanzielle Vorteile für den Einzelnen und hilft gleichzeitig, erneuerbare Energien besser in das Stromsystem zu integrieren. Aus dem vormals eher passiven Stromkunden wird damit ein aktiver Partner für die Energiewende.
“Spritpreise sind sicherlich ein Beschleuniger”
electrified: Insbesondere die hohen Spritpreise führen gerade zu einer verstärkten Nachfrage nach Elektroautos. Glauben Sie, dass dieses Nachfragehoch nachhaltig ist?
Endress: Die Spritpreise sind derzeit sicherlich ein Beschleuniger, aber nicht der alleinige Treiber. Elektromobilität überzeugt immer mehr Menschen durch verlässlich niedrigere Betriebskosten und den hohen Fahrkomfort. Dazu kommen eine Vielzahl Fahrzeugmodellen und ein sehr großes und wachsendes öffentliches Ladenetz. Die vielzitierte Reichweitenangst ist ein Thema von gestern. Insgesamt wird der Umstieg immer attraktiver und einfacher. Die E-Mobilität ist definitiv im Massenmarkt angekommen, auch unabhängig von den aktuellen Treibstoffpreisen.
electrified: Hält das Ausbautempo bei der Ladeinfrastruktur den hohen Zuwachsraten von E-Autos Schritt?
Endress: Ja – das kann ich Ihnen sowohl in meiner Rolle als E.ON Manager als auch als E-Autofahrer bestätigen. Die öffentliche Ladeinfrastruktur ist sogar in Vorleistung gegangen, hier wurde massiv investiert. Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen aktuell über 210.000 Ladepunkte, davon mehr als 55.000 Schnellladepunkte. E.ON baut unter anderem im Rahmen des Deutschlandnetzes Schnellladepunkte an Autobahnen und anderen Verkehrsachsen auf sowie an Lebensmittelmärkten und Einkaufszentren. Zu diesem öffentlichen Ladenetz kommen zudem hunderttausende private und betriebliche Wallboxen. Es muss sich also niemand vor zu wenigen Ladepunkten sorgen, auch zukünftig nicht.
electrified: Der E-Antrieb wird auch bei den Nutzfahrzeugen immer relevanter. Sie kooperieren hier mit DHL, errichten für ihren Partner bis 2027 insgesamt 170 Hochleistungsladepunkten an deutschen Paketzentren. Wie weit ist man schon vorangekommen?
Endress: Wir haben in dieser Zusammenarbeit schon große Schritte gemacht: Bis Ende des Jahres werden wir voraussichtlich über 80 Schnellladepunkte installiert haben – hauptsächlich Ladepunkte mit 400 Kilowatt Leistung für E-Lkw und mit 200 Kilowatt für elektrische Rangierfahrzeuge.
“Planen auch Megawatt-Charging”
electrified: Mit welchen Ladeleistungen planen Sie dabei, ausschließlich mit 400 kW-Ladern?
Endress: Standardmäßig sind für die E-Lkw 400 kW-Ladestationen geplant, das reicht in den allermeisten Fällen aus. Damit ist ein Fernverkehrs-Lkw in rund eineinhalb Stunden geladen. An einigen Standorten planen wir gemeinsam mit DHL auch Megawatt-Charging.
electrified: Wo liegen bei diesem Projekt die größten Herausforderungen, im Lastmanagement?
Endress: Zu den größten Herausforderungen zählen derzeit die Beschaffung der benötigten Transformatoren sowie die frühzeitige Planung der Netzanschlüsse. Entscheidend ist dabei eine enge und verlässliche Abstimmung mit den jeweiligen Verteilnetzbetreibern, damit die technischen Voraussetzungen an den Standorten rechtzeitig geschaffen und die Ladepunkte wie geplant umgesetzt werden können.
electrified: Diese Hochleistungsladepunkte sollen auch von anderen Logistikern genutzt werden können? Wie ist denn hier das Interesse?
Endress: Alle 400kW Ladepunkte, die an den Standorten von DHL Post&Paket sowie DHL Freight in Betrieb genommen wurden, können auch von Transportunternehmen genutzt werden, die mit DHL kooperieren.
electrified: Auch im Schwerlastverkehr wird der E-Antrieb immer wichtiger, wie man gerade auch auf der IAA Transportation gesehen hat. Dafür braucht man aber auch Megawatt-Lader. Hat man das Thema MW-Laden verschlafen?
Endress: Wir brauchen für einige Ladeszenarien und an besonders hochfrequentierten Standorten auch Megawatt-Charger und planen bzw. errichten aktuell einige für Kunden. Die Relevanz von Megawatt-Chargern darf aber nicht überschätzt werden – für einen großen Teil der Use Cases reichen 400-kW-Charger vollkommen aus, insbesondere im Depot. Wir sehen bei den bereits auf E-Trucks umgestiegenen Transportunternehmen, dass die Lkw mit 400, 200 und beim Laden über Nacht sogar „nur“ 100 kW geladen werden – diese Ladestationen sind zugleich einfacher und günstiger zu installieren und ans Netz anzuschließen, daher werden sie weiterhin eine zentrale Rolle im Laden von E-Trucks spielen.
Das Interview mit Martin Endress führte Frank Mertens



