Elektro

BYD drängt mit drei Modellen auf den Markt

Die Elektro-Limousine Han von BVD.

BYD kommt gleich mit drei Modellen auf den Markt. Die Chinesen haben sich dabei ambitionierte Ziele gesetzt.

Die Sonne strahlt mit Penny Peng um die Wette auf dem Flugplatz Valkenburg nördlich von Den Haag. Denn neben der Marketingchefin Europa stehen gleich drei verschiedene Modelle aus der aktuellen Palette des chinesischen Autobauers BYD: Bereit zur Testfahrt – und einem Frontalangriff auf die etablierten Hersteller in Europa.


Anders als alle anderen Newcomer starten die Chinesen nämlich gleich mit einer ganzen Phalanx an Modellen in den Markt. Der Han ist eine Limousine der Oberklasse, der Tang ein Siebensitzer-SUV, der Atto 3 ein SUV der Kompaktklasse – alle elektrisch angetrieben. Und schon bald dürften der Kleinwagen Dolphin und die Mittelklasse-Limousine Seal nachrücken. Damit hat die Marke ein Angebot im Köcher, von dem viele Konkurrenten noch träumen müssen.

BYD mit hohen Absatzzahlen

Pengs Arbeitgeber heißt ja auch BYD; das steht für „Build your dreams“. Für viele Wettbewerber sind die Asiaten allerdings derzeit eher ein Alptraum. Allein im ersten Halbjahr haben sie rund 640.000 Elektro-Fahrzeuge verkauft; fast 80.000 mehr als der bisherige Marktführer Tesla. Innovative Technologie, gute Verarbeitung und deutlich niedrigere Preise als die Konkurrenz sind der Dreiklang, mit denen Peng und ihre Kollegen ab dem Spätherbst auch hierzulande angreifen wollen.

In einer Disziplin sollten die Chinesen allerdings erst mal Nachhilfe nehmen: bei der Namensgebung: Tang für ein SUV klingt erstmal nicht nach Fahrdynamik – weitere Modelle wie „Destroyer“ (Zerstörer) oder „Yuan-Plus” haben auch nicht gerade vertrauenserweckende Benennungen. Wohl auch ein Grund, den Yuan-Plus für Europa in Atto 3 umzutaufen.

Unterwegs auf kurvigen Parcours

Was zählt, sind aber natürlich vor allem die inneren Werte: Also einsteigen in den Atto 3 und auf in den kurvigen Parcour. Das SUV zeigt im Elchtest Standfestigkeit, ohne dass das ESP den Schwung beim Hin- und Her wedeln gleich auf null herunterregelt. Und im Normalmodus rollt der Chinese so ordentlich ab wie die direkten Wettbewerber VW ID.3 oder Mégane E-Tech. Preise will BYD für seine drei Startangebote zwar noch nicht nennen.
Die Fahrzeuge dürften aber mit Komplettausstattung inklusive Panoramadach, beheizten Sitzen, voller Assistenz-Armada und Wärmepumpe spürbar weniger kosten als ein vergleichbarer Volkswagen in Basisausstattung. Das sind dann zwar auch keine Dacia-Preise, aber sparen lässt sich mit den Modellen schon.

Zumal vom Sparprogramm im 4,45 Meter langen Atto 3 nichts zu spüren ist. Eher von akribischer Feinarbeit. Die Zusammenarbeit mit dem Partner Mercedes in China, ZF oder Bosch hat etwa bei der Fahrwerksabstimmung offenbar ebenso Früchte getragen wie der Einsatz von Audi-Designern bei der Gestaltung der neuesten Fahrzeuge. Hochwertige Kunststoffe, große Infotainment-Touchscreens und bequeme Sitze sind fast auf Premium-Niveau.

Bei den weiteren Start-Angeboten Made by BYD ist das noch deutlicher zu spüren – Tang und Han sind schließlich ein bis zwei Klassen größer als der kompakte Atto 3: Der 4,87 Meter lange und 1,73 Meter hohe Tang liegt sehr gut auf der Straße, die exakte Lenkung vermittelt auch den entsprechenden Kontakt zum Geläuf, Wind- und Abrollgeräusche sind sehr gering. Zudem ist die Dynamik nicht nur beim Geradeauslauf zu spüren. Die Brembo-Bremsen greifen punktgenau und bringen die 2,3 Tonnen schnell zum Stand.

Han als Konkurrenz zu Tesla

Beim Han als Konkurrent des Tesla Model S geht es noch einmal merklich kraftvoller zu. Aus dem Stand sind in 3,9 Sekunden die 100 Stundenkilometer erreicht, bei Tempo 180 wird aber abgeregelt. Auch schnelle Kurven mag die mehr als fünf Meter lange Limousine, die nach einer Königsdynastie benannt ist. Entsprechend edel sind auch die Materialien im Han. Der Atto 3 kommt dagegen verspielter daher, insbesondere mit seiner Türablage mit drei roten Gummibändern in Gitarrenoptik.

Über Geschmack lässt sich streiten, über Platzangebot nicht. Und da machen die Chinesen der Konkurrenz einiges vor. Das liegt vor allem an der deutlich flacher bauenden Batterie. Der Vorteil zeigt sich besonders in Reihe zwei, wo der Sitzkomfort erheblich besser ist als selbst in größeren Tesla, Lucid oder Mercedes. Denn der Abstand von Sitzfläche zum Boden ist höher, so dass die Oberschenkel nicht in der Luft hängen. Und selbst im Atto 3 lassen sich die Füße auch noch unter die Vordersitze schieben. Auf langen Strecken ein Komfortgewinn. Die serienmäßige Reihe Drei im Tang ist dagegen nur für kleine Kinder etwas. Aber immerhin: Kein anderes E-Auto hat so etwas im Angebot.

Einmalig ist auch der 15,6-Zoll-Zentralbildschirm in den Modellen, der sich auf Knopfdruck um 90 Grad drehen lässt. So kann der Fahrer je nach Vorliebe eine Quer- oder Hochkantansicht wählen. Praktisch für Umsteiger von anderen Marken, die sich nicht umgewöhnen müssen. Die Innenluft wird – typisch für Autos Made in China – stets auch von feinsten Partikeln der Außenwelt abgeschirmt. Und in der Paradedisziplin Akku dreht BYD richtig auf.

Bessere Platzausnutzung der Batterie

Denn in allen Modellen arbeitet bereits die sogenannte Blade-Batterie. Durch einen in die Karosserie integrierten Aufbau nutzen die Lithium-Eisenphosphat-Batterien den Platz um 50 Prozent besser als herkömmliche Lithium-Ionen-Akkus, sind robuster und brauchen eben nicht die teuren und zuweilen schwer zu beschaffenden seltenen Erden. Neben geringerem Gewicht und ordentlich Reichweite macht es die Batterien darum billiger.
Die Batteriekompetenz ist übrigens kein Zufall. Unternehmensgründer Wang Chuanfu hat 1995 als Akku-Produzent für Smartphones und MP3-Player begonnen. BYD baut zudem seit 2005 nicht nur seine Autos in Shenzhen zusammen. Der Mutterkonzern produziert auch die meisten Komponenten selbst: Motoren, Steuer- und Bremssysteme, die ganze Fahrzeugelektronik und sogar Details wie Scheibenwischer oder Airbags. Und natürlich das wichtigste und teuerste Bauteil, den Akku. BYD kann darum die Fahrzeuge, die in Valkenburg in der Sonne glitzern, auch sofort liefern – und diesen Vorteil wollen die Chinesen in Europa nutzen.

Beim Verbrauch dürften die Chinesen wahrscheinlich im guten Mittelfeld des Angebotes liegen. Bei Tests des norwegischen Automobilclubs bewegte sich der Tang in etwa auf dem Niveau eines Audi e-tron. Genaue Werte will BYD erst Mitte Oktober zusammen mit den Preisen liefern.

Ordentliche Reichweite

Die Reichweite von 420 Kilometern für den Atto 3 aus der 60 kWh-Batterie ist ganz ordentlich, mit 400 für den Tang und 521 für den Han mit ihren 85 kWh-Batterien aber etwas knapp bemessen für solche Reise-Fahrzeuge. Weniger begeisternd ist auch, dass die drei Chinesen zwar alle Schnellladen können, aber nur mit maximal etwas über 100 kW. Die schnellsten Zeiten liegen darum bei einer halben Stunde von 30 bis 80 Prozent. Da ist die Konkurrenz flotter.

Und wenig traumhaft ist auch noch die Situation im Handel und bei Werkstätten. Die Fahrzeuge gibt es vor allem außerhalb von Metropolen erst einmal nur im Internet zu sehen, auch die gewohnten Händler-Werkstätten mit dem großen Markensymbol darüber suchen hiesige Autokäufer sicher noch länger vergeblich. Von der Präsenz etablierter Automarken ist also auch BYD noch meilenweit entfernt. In einer Hinsicht aber haben die Chinesen die Nase weit vorn – und einen Traum vieler Umweltschützer schon wahr gemacht: Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren stellt BYD schon seit März diesen Jahres nicht mehr her. (SP-X)

Über den Autor

Frank Mertens

Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur (ddp/ADN) gelernt. Danach war er jahrelang Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das bloße Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch den redaktionellen Teil des Magazins electrified.

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