Viele E Autofahrer setzen auf die heimische Wallbox. Doch das öffentliche Ladenetz in Deutschland wächst rasant, die Technik entwickelt sich weiter – und macht das Laden alltagstauglicher.
Sprit zapfen an der Tankstelle ist für Fahrer von Benzin- oder Dieselfahrzeugen selbstverständlich. Beim Laden eines Elektroautos hingegen denken viele noch an komplizierte Abläufe und lange Wartezeiten. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren viel getan: Zum Jahresbeginn zählte die Bundesnetzagentur mehr als 190.000 öffentliche Ladepunkte – rund 17 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Ladesäulen finden sich heute nicht nur an Autobahnen, sondern auch an Supermärkten und in Wohngebieten.
Trotzdem bleibt Skepsis. Laut dem DAT Report 2026 sagen 72 Prozent der Autohalter, ein E Auto komme für sie nicht infrage, solange sie nicht zu Hause laden können. Dabei ist eine eigene Wallbox keine zwingende Voraussetzung für elektrische Mobilität. Denn nicht nur das öffentliche Ladenetz wächst – auch die Fahrzeuge selbst laden immer schneller. Kurze Stopps reichen inzwischen oft aus, um genügend Energie für mehrere Tage oder sogar eine ganze Woche nachzuladen.
Reichweite verliert an Schrecken
Vor dem Kauf eines Elektroautos stehen Reichweite und Ladeinfrastruktur bei vielen ganz oben auf der Sorgenliste. Im Alltag relativiert sich diese Angst jedoch, wie eine Umfrage des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) unter knapp 3.000 E Autofahrern zeigt. Weiße Flecken ohne Ladepunkte gibt es in Deutschland kaum noch, ergab zudem eine Untersuchung des Marktanalysten Elvah. Selbst in Mecklenburg Vorpommern, wo die Dichte am geringsten ist, beträgt der durchschnittliche Weg zur nächsten Schnellladestation gut 4,5 Kilometer – auf dem Land ist das Tankstellennetz kaum dichter.
Nachholbedarf sehen Experten weiterhin in städtischen Wohngebieten. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt zur Miete und hat häufig keine Möglichkeit, das Auto zu Hause zu laden. Der Bundesverband Neue Mobilität kritisiert, dass viele Mieter beim Ausbau privater Ladeinfrastruktur bisher außen vor bleiben. Auch die Organisation Transport & Environment fordert gezielte Investitionen in Ladepunkte bei Mehrfamilienhäusern.
Öffentliche Ladepunkte oft noch unterausgelastet
Dabei könnten vorhandene öffentliche Ladesäulen vielerorts stärker genutzt werden. In Wohngebieten stehen sie zwar regelmäßig in Betrieb, sind jedoch selten ausgelastet. Selbst an Autobahnen kommt es trotz steigender Zahl an E Autos bislang nur selten zu Engpässen.
Mit dem erwarteten Hochlauf der Elektromobilität ab 2026 könnte sich das ändern. Branchenbeobachter rechnen durch neue staatliche Förderungen und hohe Rabatte der Hersteller mit deutlich steigenden Zulassungszahlen. Energieversorger und Betreiber von Ladeinfrastruktur reagieren bereits. Ionity etwa, bislang vor allem an Autobahnen präsent, erweitert sein Netz zunehmend in Städten. In Nordrhein Westfalen wurden kürzlich mehrere urbane Schnelllade Standorte eröffnet, weitere sollen folgen. Bis 2030 will das Unternehmen rund 30 Prozent seiner Stationen im städtischen Raum betreiben.
„Urbanes Schnellladen ist kein Nice to have, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Elektromobilität für breite Bevölkerungsschichten funktioniert“, sagt Ionity Chef Jeroen van Tilburg. Länder wie Norwegen oder die Niederlande zeigen, wie ein dichtes öffentliches Ladenetz den Umstieg erleichtert.
Die private Wallbox wird dennoch nicht verschwinden. Für Hausbesitzer mit eigener Solaranlage bleibt das Laden zu Hause besonders günstig. Doch auch öffentliches Laden ist preislich konkurrenzfähig – vor allem mit passenden Tarifen. Zwar wirken Apps und Abos oft unübersichtlich, doch ähnliche Tarifmodelle sind aus anderen Bereichen wie Mobilfunk oder Internet längst bekannt. (SP-X)

