Brompton bietet nun auch einen E-Antrieb an. Für den Alltag des Nutzers bietet das gerade auf längeren Pendlerstrecken einen Komfortgewinn.
Bereits im Sommer konnten wir einen ersten Blick auf das neue Brompton Electric werfen. Im Rahmen einer Werksbesichtigung führte uns der Hersteller auch durch sein Entwicklungslabor. Dort steckte in einer Testmaschine ein Prototyp mit 16-Zoll-Rädern, bei dem der Motor nicht mehr im Vorderrad, sondern im Hinterrad arbeitete. Brompton wollte diese Beobachtung nicht kommentieren und verwies auf den Herbst. Dann werde sich zeigen, was es mit dieser Neuerung auf sich hat.
Im Oktober wurde das Electric auf Basis des 16-Zoll-Klassikers offiziell vorgestellt. Kurz darauf stand uns ein Testexemplar zur Verfügung. Einige Wochen lang erleichterte der elektrische Rückenwind den Pendleralltag deutlich, gelegentlich erschwerte er ihn allerdings auch. Am Ende der Testphase stand der spontane Wunsch, das seit gut zehn Jahren genutzte private Bio-Brompton gegen das neue Electric einzutauschen. Ausschlaggebend für diesen Wunsch war der Zugewinn an Komfort durch den E-Antrieb.
E-Variante ebenfalls kompakt gehalten
Was macht das neue Electric für langjährige Brompton-Nutzer interessant? Vor allem das weiterhin extrem kompakte Packaging, das die Mitnahme im Zug oder im Kofferraum so unkompliziert macht. Wer diesen Vorteil schätzt, wird beruhigt feststellen, dass das 16-Zoll-Modell trotz E-Antrieb seine einfache Faltlogik und das geringe Packmaß beibehält. Lediglich die abnehmbare Kunststoffhalterung über dem Vorderrad, in der die ebenfalls abnehmbare Batterie sitzt, beeinträchtigt das ansonsten perfekte Origami-Prinzip geringfügig. Der elektrische Zusatz bringt zudem einige Kilogramm mehr auf die Waage, die man beim Tragen über Bahnsteige durchaus spürt. Da der 345-Wh-Akku mit seinen 3,4 Kilogramm jedoch schnell entnommen ist und sich dank Tragetasche gut schultern lässt, bleibt die zusätzliche Belastung überschaubar.
In Vergessenheit geraten die Extrakilos, sobald man den Zug verlässt, das Rad mit wenigen Handgriffen fahrbereit ist und man anschließend leicht und zügig durch die Stadt gleitet. Der im Hinterrad sitzende Nabenmotor lässt mit seinen lediglich 24 Newtonmeter Drehmoment einen zurückhaltenden Vortrieb erwarten. In der Praxis erweist sich der bürstenlose und nahezu lautlose Antrieb jedoch als harmonisch und spritzig. Das direkt am Rad anliegende Drehmoment, das sich erstaunlich effektiv entfaltet, reicht vollkommen aus. Auch das Zusammenspiel aus Drehmomentsensor und Motorcharakteristik überzeugt, weil die Unterstützung ein sehr natürliches Fahrgefühl vermittelt. In der höchsten Stufe erreicht man mühelos die 25 km/h, häufig zeigt das wie ein Schmuckstück wirkende Display am Lenker sogar etwas mehr an.
Nutzen im Alltag steigt
Ein Brompton wird meist für kurze Distanzen genutzt, schließt längere Fahrten aber nicht aus. Auf unserer Pendelstrecke zwischen Bahnhof und Büro bestätigte der Antrieb schnell seinen Alltagsnutzen, denn man ist deutlich flotter unterwegs und kommt entspannter an. Wer es eilig hat und ausreichend Kraftreserven besitzt, kann auch ohne Motorunterstützung deutlich schneller fahren. Mehrfach erreichten wir mit reiner Muskelkraft Geschwindigkeiten im 40er-Bereich. Trotz der kleinen Räder fühlten wir uns sicher. Der Motor sitzt zudem nicht mehr im Vorderrad, wodurch störende Antriebseinflüsse auf die Lenkung, vor allem auf Schotter, entfallen.
Zur Wahl stehen drei Unterstützungsmodi sowie bei unserem Testexemplar vier Gänge. So findet man für nahezu jede Situation die passende Kombination. Positiv fiel uns die durch den kleinen 16-Zoll-Hebel kräftige Unterstützung an Anstiegen auf. Selbst steile Passagen am Rheindeich ließen sich fast ohne Tempoverlust erstürmen.
Reichweite von 60 Kilometer
Mit 345 Wh ist der Akku recht kompakt, für den Pendleralltag jedoch ausreichend dimensioniert. Auf überwiegend flachem Terrain erzielten wir rund 60 Kilometer Reichweite. Unterhalb von 25 Prozent Akkustand sollte man jedoch ans Nachladen denken. Wir waren optimistisch, mit 22 Prozent Restladung noch eine rund zehn Kilometer lange Tour zu schaffen, und verzichteten deshalb auf das Aufladen am Vorabend. Am nächsten Morgen standen bei Fahrtantritt nur noch 17 Prozent zur Verfügung, die nach wenigen Kilometern unter die Zehn-Prozent-Marke fielen. Ab diesem Punkt drosselt das System die Leistung deutlich, der Antrieb wird ruckelig und kaum nutzbar. Etwa die halbe Strecke mussten wir deshalb ohne Unterstützung zurücklegen. Immerhin lässt sich das kleine Ladegerät problemlos mitführen, und ein kompletter Ladevorgang dauert etwa fünf Stunden.
Das Electric startet in der Basisversion C-Line bei rund 3.600 Euro. Bereits der Einstiegspreis wirkt ambitioniert. Unser Testexemplar stammte aus der höherwertigen P-Line, die rund 800 Euro teurer ist. Mit Gepäckträger, einer der besonders edlen Lacqeur-Farben und einer zusätzlichen Tasche landet man schnell bei rund 5.000 Euro. Unser Fazit fällt dennoch positiv aus. Der neue E-Motiq-Antrieb macht das Electric zu einem idealen Upgrade gegenüber dem betagten Bio-Brompton. Doch angesichts der Preise erinnert man sich rasch daran, dass Fahren mit Muskelkraft nicht nur günstiger, sondern auch gesünder ist.(SP-X)


