Bei Renault geht es Schlag auf Schlag. Die Franzosen bringen nach dem R5 und R4 ihr nächstes Elektromodell: es ist der Twingo. Er wird den Markt verändern, glaubt Markenchef Fabrice Cambolive.
Der französische Autobauer Renault legt bei der Elektromobilität ein hohes Tempo vor. Nach dem R5, R4 folgt mit dem Renault Twingo nun ein weiteres Elektroauto. Mit einem Preis von knapp unter 20.000 Euro macht es die Technologie einer breiteren Bevölkerungsgruppe zugänglich.
Dass die EU-Kommission das Verbrenner-Aus 2035 aufgeweicht hat und nun einen zehnprozentigen Anteil von Range Extendern oder Plug-in-Hybriden zulässt, macht für Renault-Markenchef Fabrice Cambolive keinen Unterschied. «Viel wichtiger ist, dass es bis dahin ausreichend erschwingliche Elektroautos gibt. Genau das tun wir nun mit dem Twingo, der den Markt verändern wird. Er ist ein Disruptor für die E-Mobilität», sagte Cambolive im Interview mit dem Magazin electrified und der Autogazette. Cambolive ist in Personalunion auch Chief Growth Officer der Renault Group.
«Elektromobilität ist die Zukunft»
Bis zum Jahr 2036 wird Renault 36 neue Modelle auf den Markt, bringen, darunter 16 rein elektrische. Doch man werde so lange auch Verbrenner anbieten, so lange das notwendig sei. Bis zum Jahr 2030 peile man beim Gesamtabsatz eine Verteilung von 50:50 zwischen Elektroautos und Hybriden an. «Alle unsere Verbrenner werden bis dahin hybridisiert sein.»
Mit Blick auf das Verbrenner-Aus 2035 will Cambolive keine Prognose abgegeben, wie die Verteilung bis dahin ausschaut. «Es können 90, 95 oder auch 100 Prozent sein. Wichtig für mich ist dabei, dass es keinen Weg zurück mehr geben wird: die Elektromobilität ist die Zukunft. Alle Investitionen, die wir jetzt tätigen, sind alle auf reine Elektro-Plattformen ausgerichtet.»
«In Europa werden wir neue Segmente erschließen»
electrified: Herr Cambolive, Sie haben gerade Ihre neue Strategie „FuturReady“ vorgestellt. Sind Sie damit nun besser für die Zukunft gewappnet?
Fabrice Cambolive: Die neue Strategie ist eine Evolution unseres bisherigen Strategieplans Renaulution. Die Herausforderung besteht darin, aus den Erfolgen der vergangenen Jahre das Beste herauszuholen und gleichzeitig unsere Organisation auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten und uns damit auch noch besser für die Zukunft aufzustellen.
electrified: Ein Aspekt der neuen Strategie ist eine verstärkte Globalisierung. Welche Rolle spielt dafür das Mercosur-Freihandelsabkommen, was nun doch in Kraft tritt?
Cambolive: Ja, ein Teil von FuturReady sieht auch eine stärkere Globalisierung vor, um so zu mehr Wachstum zu kommen. In Europa werden wir für uns neue Segmente erschließen. Für mich sind Länder wie die Türkei und Marokko sehr wichtig. Hier können wir die europäischen Modelle und die internationalen Modelle mit lokaler Produktion verbinden. Zusätzlich wollen wir uns auf wichtige Wachstumsmärkte konzentrieren wie beispielweise Indien oder Brasilien.
Indien aus zwei Gründen: Zum einen wegen des lokalen Marktes. Vor drei Jahren haben wir uns gefragt, ob Indien den deutschen Markt überholen würde – und jetzt ist er fast doppelt so groß. Es ist also ein Markt mit sehr hohem Potenzial. Der andere Grund ist die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Indien ist eine Basis für Wettbewerbsfähigkeit auch für andere Länder. In den kommenden Jahren wird das Land auf acht Millionen Fahrzeuge kommen. Das zeigt die große Bedeutung des Marktes für unsere Wachstumsstrategie.
«Uns besorgt Preisentwicklung beim Kraftstoff»
electrified: Welche Verteilung erwarten Sie in den kommenden Jahren beim Absatz zwischen Europa und dem Rest der Welt?
Cambolive: Das Ziel ist es bis 2030 eine Verteilung von 50:50-Prozent zu haben.
electrified: Wie ist die Verteilung jetzt?
Cambolive: Für die Kernmarke Renault liegt das Verhältnis derzeit bei 38:62-Prozent.
electrified: Der Iran-Krieg sorgt für steigende Spritpreise, auch Lieferkettenprobleme sind nicht auszuschließen. Treibt Ihnen das Sorgenfalten auf die Stirn?
Cambolive: Zunächst besorgt uns die Preisentwicklung beim Kraftstoff, wobei wir mit unserem Angebot an Verbrennern, Hybriden und reinen E-Autos für unsere Kunden darauf eine Antwort haben. Denn die Reduzierung der Verbräuche steht bei uns im Fokus. Die derzeitige Situation in einigen Ländern führt dazu, dass die Attraktivität von Elektroautos steigt. Wir erleben in den zurückliegenden Tagen einen starken Anstieg bei der Nachfrage nach batterie-elektrischen Fahrzeugen.
electrified: Nur wegen des Anstiegs bei den Spritpreisen?
Cambolive: Nicht nur, sondern auch wegen der geringen Kosten, die die Kunden eines Elektroautos haben. In den zurückliegenden Tagen hat sich der Absatz unserer BEVs in Frankreich quasi verdoppelt im Vergleich zu der Zeit vor dem Krieg. Zudem wird das Angebot an günstigeren Elektroautos immer besser. Wir bekommen jetzt bereits die ersten Bestellungen für den neuen Twingo.
electrified: Bis 2036 bringen Sie 36 neue Modelle, darunter 16 rein elektrische. Ab wann wollen Sie in Europa rein elektrisch sein?
Cambolive: So lange es notwendig ist. Bis zum Jahr 2030 peilen wir eine Verteilung beim Gesamtabsatz von 50:50 zwischen reinen Elektroautos und Hybriden an. Alle unsere Verbrenner werden bis dahin hybridisiert sein. Wir sollten bis 2030 einen CO₂ Ausstoß von 50 Gramm erreichen, um den Vorschriften zu entsprechen – also 49,5 Gramm.
«Es gibt keinen Weg zurück»
electrified: Und wie sieht die Verteilung bis 2035 aus?
Cambolive: Es ist schwer zu sagen: es können 90, 95 oder auch 100 Prozent sein. Wichtig für mich ist dabei, dass es keinen Weg zurück mehr geben wird: die Elektromobilität ist die Zukunft. Alle Investitionen, die wir jetzt tätigen, sind alle auf reine Elektro-Plattformen ausgerichtet.
electrified: Hat sich die EU einen Gefallen mit der Aufweichung des Verbrenner-Aus 2035 getan. Bremst das den laufenden Markthochlauf aus?
Cambolive: Ich denke nicht, dass es ein Fehler ist, es schafft für die Hersteller mehr Flexibilität. Doch diese neue Regulatorik ändert nichts an unserer Strategie, dass beste BEV-Line-Up aller Hersteller in Europa zu bieten.
electrified: Die neue Regulatorik der EU erlaubt ab 2035 auch die Einbeziehung von Plug-in-Hybriden und Range Extendern mit einem Anteil von zehn Prozent. Ist das sinnvoll?
Cambolive: Für mich macht es keinen Unterschied, ob bis 2035 nun 90 oder 100 Prozent Elektroautos neu zugelassen werden. Viel wichtiger ist, dass es bis dahin ausreichend erschwingliche Elektroautos gibt. Genau das tun wir nun mit dem Twingo, der den Markt verändern wird. Er ist ein Disruptor für die E-Mobilität. Wir sind damit einer der ersten Hersteller, die ein Auto unterhalb von 20.000 Euro anbietet.
«Das sind Steigerungen, die sich fortsetzen»
electrified: Ihr Deutschlandchef Florian Kraft erwartet, dass der Twingo das meistverkaufte Renault-Modell in Deutschland wird. Wie schaut das europaweit aus?
Cambolive: Die ersten Rückmeldungen der Journalistinnen und Journalisten nach den Testfahrten zeigen, dass der Twingo die Messlatte selbst höher legt. In Europa haben wir eine Chance: Es sind heute noch zwei Millionen Twingos auf der Straße. Das bietet zusätzliche Möglichkeiten im Vergleich zum R5. Das wird dem Marktstart des Fahrzeugs zusätzlichen Schwung verleihen.
electrified: Was gefällt Ihnen persönlich am besten am Twingo?
Cambolive: Er bietet im Innenraum enorm viel Platz – und das bei sehr kompakten Abmessungen. Er bietet alles, was man sich von einen agilen Auto für die Stadt erwartet. Bereits wenn man in den Twingo einsteigt, fühlt man dieses gute Raumgefühl.
electrified: Glauben Sie, dass der von Jahr zu Jahr steigenden CO2-Preis den Trend hin zu Elektroautos verstärkt?
Cambolive: Auch, nun kommen zudem in vielen Ländern Prämien hinzu. In Deutschland lag der BEV-Anteil im Vorjahr ohne Förderung bei über 19 Prozent. Mit Förderung erwarte ich in diesem Jahr in Deutschland einen Anteil von über 25 Prozent. Auch in Spanien haben wir in den zurückliegenden 18 Monaten einen Anstieg auf zehn Prozent gesehen. Das sind Steigerungen, die sich fortsetzen werden.
electrified: In Europa lag der BEV-Anteil in Europa bei etwas über 17 Prozent. Wo sehen Sie den europäischen Markt in diesem Jahr?
Cambolive: Für Europa erwarte ich eine Steigerung um 5 Punkte.
«Es ist keine Benchmark, es ist ein Muss»
electrified: Sie arbeiten als Volumenhersteller auch an 800 Volt. Wann werden wir das erste Auto auf dem Markt sehen?
Cambolive: Es wird in einem unserer C-Segment-Modellen zu sehen sein wie beispielsweise Modellen wie dem Scenic oder Rafale. Dafür entwickeln wir eine komplett neue RGEV medium 2.0-Plattform. Doch wir bringen auf dieser Plattform nicht nur 800 Volt, sondern auch eine größere Autonomie und eine bessere Software. Auf dieser Plattforment wickeln wir Autos , die in unter zwei Jahren entstehen. Das erste Auto wird im Jahr 2028 kommen.
electrified: Sehen Sie diese Technik auch im B-Segment?
Cambolive: Unsere Priorität liegt jetzt im C Segment
electrified: Ist eine Entwicklungszeit von unter zwei Jahren für Sie eine neue Benchmark?
Cambolive: Es ist keine Benchmark, es ist ein Muss, um Wettbewerbsfähig auch gegenüber unseren chinesischen Mitbewerbern zu sein.
Das Interview mit Fabrice Cambolive führte Frank Mertens





