Ian James: Meine Stelle ist eine echte Traumstelle

Teamchef Ian James. Foto: Daimler

Die Formel E-Saison geht in die heiße Phase. Nach dem Rennen in Puebla/Mexiko stehen mit New York, London und Berlin noch drei Stationen auf dem Programm. Das Mercedes-EQ Formula E Team führt dabei die Wertung knapp an.

Können die Schwaben in der zweiten Saison bereits den Titel gewinnen? electrified sprach mit Teamchef Ian James nicht nur über den Technologietransfer vom Motorsport in die Serienfertigung, sondern auch über den Brexit, die No-Blame-Culture im Team und die Bedeutung der Nachhaltigkeit bei einem global ausgetragenen Sport.

electrified: Herr James, die beiden Formel E-Rennen in Puebla/Mexiko liegen hinter Ihnen. Ihr Ziel, einen Podiumsplatz zu erringen, konnten Sie nicht erreichen. Sind Sie mit dem Ergebnis trotzdem zufrieden?

Ian James: Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin nicht unbedingt unglücklich darüber, wie wir als Team aufgetreten sind, aber nach dem Wochenende in Puebla tut das Ergebnis vor allem deshalb weh, weil wir wissen, dass wir das Potenzial haben, es besser zu machen. Das wissen wir, das haben wir in dieser Saison schon bewiesen, und ich sehe es, wenn ich mit den Leuten arbeite, von denen ich an der Strecke und in den Fabriken umgeben bin. Wir werden die fehlenden Punkte zum Ende der Saison spüren, denn uns ist bewusst, dass jeder einzelne Punkt für die Meisterschaft entscheidend ist. Wir liegen immer noch vorne, aber die Konkurrenz holt auf  wir müssen also sicherstellen, dass wir jede Chance nutzen.

Foto: Mercedes-EQ Formel E Team

electrified: Sie sind jetzt seit 2019 Teamchef des Mercedes-EQ Formel E Team. Können Sie uns kurz sagen, was Ihre Aufgaben sind?

James: Ich bin zum einen „Team Principal“, also Teamchef für das Formel E Team von Mercedes, gleichzeitig bin ich Geschäftsführer für die Firma Mercedes-Benz Formula E Ltd.. Meine Aufgabe ist sicherzustellen, dass unser Team gut vorbereitet in die Rennen geht. Die Ingenieure, die Fahrer, die Mechaniker müssen ideale Bedingungen haben, ein erfolgreiches Rennwochenende durchführen zu können. Als Managing Director der Mercedes-Benz Formula E Ltd. bin ich für alle wirtschaftlichen Belange dieses Start-ups zuständig.

electrified: Was sind die Aufgaben dieses Start-Ups?

James: Das Start-up ist ausschließlich für die Formel E gegründet worden. Wir haben bei Daimler eine 126 Jahre alte Geschichte im Motorsport. Vor diesem Hintergrund hatten wir ideale Voraussetzungen, ein eigenes Formel-E-Team zu gründen. Wir haben in Stuttgart unseren Kommunikationsbereich, in Affalterbach die HWA AG, die die Rennsportaktivitäten betreibt. Und in Brixworth ist das Werk von Mercedes-AMG für unsere High Performance Powertrains. Aufgabe des Start-ups ist es, alle diese Aktivitäten zu koordinieren. Wir sind gerade dabei, die Hauptaufgaben am Standort in England zu konzentrieren. Dadurch versprechen wir uns eine höhere Effizienz.

electrified: Stellt der Brexit für Ihr Vorhaben kein Hindernis dar?

James: Jein, wir spüren zwar momentan durch den Brexit eine zusätzliche Komplexität in den organisatorischen Abläufen, aber alles ist machbar. Die Vorteile überwiegen klar. Wir wurden vom Brexit ja nicht überrascht, sondern haben uns darauf vorbereitet.

Foto: Mercedes-EQ Formel E Team

electrified: Wie würden Sie sich selbst beschreiben: Sind Sie eher der introvertierte oder der extrovertierte Typ, der auch mal mit der Faust auf den Tisch schlägt, wenn es nicht so optimal läuft?

James: Ich bin vor allem leidenschaftlich. Ich bin seit meinem fünften oder sechsten Lebensjahr ein riesiger Motorsportfan. In diesem Sinne ist meine Stelle eine echte Traumstelle. Ich hoffe, dass man diese Leidenschaft auch spürt.

electrified: Wie reagieren Sie auf Probleme im Mercedes-EQ Formula E Team?

James: Wir haben im Team eine ganz wichtige Kultur, einen Spirit: der heißt No-Blame-Culture, eine Keine-Beschwerden-Kultur. Deshalb können wir im Team alle sehr offen miteinander umgehen. Dadurch stellen wir sicher, dass wir gemeinsam zu den richtigen Maßnahmen und den richtigen Umsetzungsschritten kommen. Durch meinen sehr persönlichen Kontakt zum Team versuche ich, dass diese No-Blame-Culture in allen Facetten der Arbeit zum Tragen kommt.

electrified: War diese No-Blame-Culture gerade bei den Rennen in Rom und Monaco wichtig? Immerhin schieden Ihre Fahrer dort zweimal aus, auch wenn Stoffel Vandoorne das zweite Rom-Rennen gewann.

James: Sie war sehr wichtig. Im vergangenem Jahr, der Saison 6, hatten wir unser so genanntes Rookie-Jahr. Damals haben wir noch sehr viele Fehler gemacht. Das ist okay, solange die Fehler nur einmal passieren. Das war auch in Rom und Monaco der Fall. Hier haben wir direkt nach dem Rennen die verschiedenen Szenarien diskutiert und analysiert, weshalb so etwas passiert ist. Aus dieser Analyse haben wir dann die notwendigen Maßnahmen eingeleitet.

Foto: Mercedes-EQ Formel E Team

electrified: Wie zufrieden sind Sie denn bisher mit dem Verlauf der Saison? Wenn ich mir die Teamwertung anschaue, führen Sie gerade mit drei Punkten Vorsprung vor Techeetah. Sind Sie über dieses gute Ergebnis überrascht?

James: Wir hatten in der letzten Saison, unserer Rookie Saison, einen besseren Einstand als gedacht. Stoffel Vandoorne wurde Zweiter, das Team Dritter. Gelungen ist uns das durch das Super-Ergebnis im letzten Rennen der Saison in Berlin, als Stoffel zum Sieg fuhr. Wir hatten bereits lange das Gefühl gehabt, die richtigen Zutaten zu haben. Doch es hat gedauert, bis wir das richtige Rezept hatten. Am Ende hatten wir es. Das hat uns Selbstbewusstsein gegeben für Saison 7. Natürlich ist die Konkurrenz sehr stark, doch nun passt alles: das Gesamtpaket vom Fahrzeug passt, besonders die Motoren sind sehr stark. Zudem haben wir mit Stoffel Vandoorne und Nyck de Vries zwei Fahrer mit Championship-Potenzial. Nicht zu vergessen ist das gesamte Team, das einen tollen Job macht. Vom bisher guten Verlauf sind wir nicht überrascht, eher sind wir enttäuscht, dass wir in den letzten Rennen viele Punkte verloren haben. Doch es gibt noch genug Gelegenheiten, um Punkte zu sammeln.

electrified: Was ist das Ziel in dieser Saison? Der Titel mit dem Team?

James: Für Prognosen ist es zu früh. Klar ist es super, dass wir die Meisterschaft anführen. Allerdings kann bei den anstehenden Rennen noch alles passieren. Doch eines ist auch klar: Schlechter als die vorherige Saison wollen wir nicht abschneiden. Doch dafür müssen wir uns noch weiter verbessern.

electrified: Nyck de Vries liegt nach neun von 15 Rennen auf Platz sechs vor Stoffel Vandoorne. Da dürfte auch in der Fahrwertung noch einiges drin sein?

James: Unsere beiden Fahrer fahren sehr stark momentan. Allerdings liegt das Fahrerfeld in der Teamwertung sehr eng zusammen. Für die Fans ist das unglaublich span-nend. Als Motorsport Fan freue ich mich riesig über diese Konkurrenz, als Team ist das indes sehr stressig.

electrified: Gibt es denn derzeit etwas, was Sie noch nicht zufrieden stellt?

James: Unser Paket ist stimmig. In diesem Sinne bin ich zufrieden. Allerdings habe ich letztes Jahr schon immer gesagt „Control the controllable“, man muss kontrollieren, was kontrollierbar ist. Dieses Jahr habe ich das Mantra „Ope-rational excellence“. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden, aber es gibt immer Verbesserungspotential. Als Team fokussieren wir uns nicht auf die Erfolge, die wir geschafft haben, sondern darauf, wo was schiefgelaufen ist. Nur so können wir sicherstellen, dass wir Fortschritte machen.

Foto: Mercedes-EQ Formel E Team

electrified: Inwiefern setzt Sie der Erfolg des Formel 1 Teams von Mercedes unter Druck? Mit Lewis Hamilton hat das Formel 1 Team von Mercedes einen Dauersieger.

James: In den vergangenen sieben Jahren haben wir einen unglaublichen Erfolg in der Formel 1. Das ist beeindruckend. Von daher gibt es auch mit Blick auf die Formel E eine gewisse Erwartungshaltung. Allerdings besteht im Konzern die notwendige Erfahrung, dass man nicht schon im zweiten Jahr ganz vorne mit dabei sein kann. Extern spüren wir aber die Erwartungshaltung, dass wir Mercedes so schnell wie möglich zur Weltmeisterschaft führen.

electrified: Nach Mexiko stehen noch sechs Rennen in New York, London und Berlin an. Ist Berlin für Sie etwas Besonderes, nachdem Stoffel Vandoorne das letzte Saisonrennen dort im Vorjahr gewinnen konnte?

James: Berlin macht mit seiner guten Stimmung auf jeden Fall Spaß. Zudem ist es für Mercedes ein Heimrennen. Von den dort ausgetragenen sechs Rennen im Vorjahr lief es für uns ja nicht immer so gut wie im letzten Rennen mit dem Sieg von Stoffel. Doch ich glaube, dass es auch diesmal für uns ein schönes Wochenende werden kann.

electrified: Ende der Saison wird es mit Mercedes und Porsche nun noch zwei deutsche Teams in der Rennserie geben. Welche Relevanz hat die Rennserie noch für Sie?

James: Ich glaube, dass die Elektromobilität die Zukunft ist. Das sieht man auch an meinem Mutterland Großbritannien, das Ende des Jahrzehnts aus dem Verbrennungs-motor aussteigt. Von daher müssen wir das ganze The-ma Elektro-Mobilität weiterentwickeln. Wir haben den Motorsport immer als Testlabor gesehen. Dabei geht es nicht nur um einen Technologie sondern auch um einen Knowledge-Transfer. Da spielt die Formel E eine wichtige Rolle. Wir sind ständig in Kontakt mit unseren Kollegen und Kolleginnen in Stuttgart. Wir werden, sobald die Pandemie vorbei ist, weitere Workshops anbieten um diesen Knowledge-Transfer voranzutreiben. Danach kommt meiner Meinung nach auch ein Technologietransfer. Wir reden nicht nur über den Elektromotor, sondern auch den Inverter, das Getriebe und alles andere. Derzeit erreichen wir eine Effizienz von bis zu 98 Prozent. Das ist Wahnsinn und spielt auch eine wichtige Rolle für die Zukunft der Pkw-Entwicklung.

electrified: Kann man sagen, was von den Erkenntnissen aus der Formel E in ein Flaggschiff wie den EQS geflossen ist und in kommende Modelle wie beispielsweise den EQE fließen wird?

James: Obwohl das Formel-E-Projekt nach dem Entwicklungsprogramm für den aktuellen EQS und den kommenden EQE begann, sind die grundlegenden Herausforderungen, denen sich die Ingenieure bei der Entwicklung der Antriebseinheiten stellen müssen, für die Straßenfahrzeuge dieselben wie für die Rennwagen. Daher sehen wir bereits jetzt den Nutzen des Wissenstransfers zwischen den beiden Gruppen von Ingenieuren und ich gehe davon aus, dass der Transfer von spezifischen Konzepten und Technologien in zukünftigen Produkten folgen wird

„Eine solche Reichweite ist für die E-Mobilität ein Gamechanger“

electrified: Sind Sie den EQS eigentlich schon selbst gefahren?

James: Bis jetzt bin ich nur als Beifahrer gefahren, leider. Ich habe einen EQC zu Hause. Ursprünglich war für Mai eine Testfahrt in Stuttgart geplant, doch wegen der Reise-Be-schränkungen fand die nicht statt. Ich hoffe, dass wir das vielleicht im Juli hinkriegen. Chapeau an alle Entwickler und Ingenieure, die es geschafft haben, ein Auto mit einer Reichweite von über 700 Kilometer auf die Straße zu bringen. Eine solche Reichweite ist für die E-Mobilität ein Gamechanger.

electrified: Es werden momentan auch Reichweiten deutlich über 700 km entwickelt. Wir haben auch schon vom Vision EQXX bei Mercedes gehört – was können Sie dazu sagen?

James: Grundsätzlich gibt es – besonders zum Thema Batterien – Entwicklungsfortschritte. Die werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine große Geschwindigkeit aufnehmen. Das ist für mich als Ingenieur unglaublich spannend. Es ist schön, dass unsere Ingenieure, die auch unsere Formel E-Motoren entwickelt haben, Teil des Technologieprogramms „Vision EQXX“ sind. Eine Reichweite des Vision EQXX wurde jedoch bisher noch nicht genannt, da müssen Sie sich noch etwas gedulden. Allgemein ist die Batterieentwicklung spannend für die Formel E. Ich habe über Effizienzen von 98 gesprochen, vielleicht werden wir zukünftig auch 99 Prozent erreichen. Das hat man mit Blick auf die kommenden Fahrzeuge der Generation4 im Jahr 2026 im Blick. Wir müssen sicherstellen, dass wir als Rennserie bis dahin noch die notwendige Relevanz als Testlabor besitzen.

electrified: Lassen Sie uns über den Aspekt der Nachhaltigkeit reden. Ist Motorsport, selbst wenn er elektrisch ist wie in der Formel E, ein Widerspruch zur Nachhaltigkeit?

James: Ich glaube wir müssen ganz offen und ehrlich darüber reden. Wir sind ein globaler Sport, wie Fußball, Rugby und fast alle anderen Sportarten. Daraus ergibt sich unser CO2-Fußabdruck.

electrified: Allein der Flug nach Mexiko mit dem Team und Equipment sorgt für einen immensen CO2-Fußabdruck. Was tun Sie dagegen?

James: Wir müssen sicherstellen, dass wir alle möglichen Stellhebel nutzen, um diese CO2-Bilanz zu reduzieren. Ob das bei unserer Fracht ist oder bei der Anzahl von Team-Mitgliedern, die fliegen müssen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den CO2-Fuaßbdruck zu minimieren.

electrified: Die Formel E wirbt damit CO2-neutral zu sein. Dennoch emittiert man allein durch die Reisen viel Treibhausgase.

James: Wir sind nun einmal ein globaler Sport. Wenn man fliegt oder andere Aktivitäten durchführt, gibt es immer eine Auswirkung auf das Klima. Da gibt es wenig Alternativen. Entweder man lässt es ganz oder schafft einen Ausgleich. Ich glaube, dass das absolut die richtige Vorgehensweise ist. Die Formel E ist meines Wissens der einzige Sport, der von Anfang an Net-Carbon-Zero war. Das ist nicht ohne. Es ist wichtig, dass wir positive Schritte gehen. „Being the best we possibly can be“.

electrified: Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für Sie im Privatleben? Fahren Sie selbst ein Elektroauto oder nutzen Grünen Strom?

James: Ja, wir fahren elektrisch, neuerdings haben wir auch einen Anbieter für Grünen Strom gefunden. Wir leben seit zwei Jahren wieder in Großbritannien. Allerdings muss ich sagen, dass ich das nicht selbst gemacht habe, sondern meine Frau mich dazu gebracht hat. Wir haben zwei Kinder und damit hat man eine ganz andere Perspektive: Von daher ist es wichtig, dass wir alle in die Zukunft blicken und uns nachhaltig verhalten. Es reicht nicht, einfach nur über Nachhaltigkeit zu reden, wir müssen auch danach handeln.

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